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Von Hilmar Kranenberg im Bereich Kirche.

Liebe Gemeinde,

nun hat die Passionszeit begonnen. Doch in dem für diesen ersten Sonntag der Passionszeit vorgeschlagenen Predigttext geht es nicht um ein paar gedankenschwere Worte über Leid oder Buße, sozusagen als langsamer Einstieg. Nein, wir werden mitten ins Geschehen gestoßen und sind schon nahe vor der Kreuzigung Jesu.

Der Abschnitt steht im 13. Kapitel des Johannesevangeliums: „Jesus wurde erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist’s? Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.“ Mir kommt diese Auswahl des Textabschnitts vor wie ein dramaturgischer Kniff bei manchen Filmen. Da beginnt es mit einer aufrüttelnden, aber für den Zuschauer unverständlichen Szene. Und dann startet der Erzählstrang als Erklärung was davor geschah. Oft wird dann noch ein Schriftzug eingeblendet, zum Beispiel „eine Woche vorher“.

So ähnlich ist es auch hier: Die Passionszeit beginnt dieses Jahr mit einer Episode, die vom zeitlichen Ablauf kurz vor die Kreuzigung gehört. Zunächst einmal ist alles ganz behaglich und unauffällig. Kurz zuvor fand die Fußwaschung der Jünger durch Jesus statt, nun sitzen sie beim Abendmahl. Niemand von ihnen denkt sich etwas böses. Und dann kommt Jesus mit seiner überraschenden Androhung: „Einer von euch wird mich verraten!“ Erstaunlich ist die Reaktion der Jünger: Kein lautes „Spinnst du denn?“ oder auch „Aber nie im Leben! Wir stehen felsenfest zu dir!“ Eher die unausgesprochene Frage, ob Jesus nicht vielleicht einen selbst meint. Auch Petrus war sich da anscheinend nicht so ganz sicher. Vielen von Ihnen fällt sicher die Erzählung ein, wo Petrus dreimal den verhafteten Jesus verleugnet, bevor der Hahn kräht. Wirklich standhaft war Petrus wohl nicht in diesen Stunden. Also bringt Petrus mit einer Geste den Lieblingsjünger dazu, einmal nachzufragen. Denn der, so denkt es sich wohl Petrus, steht am wenigsten in der Gefahr des Verrats. Obwohl enttäuschte Liebe oft ein Grund für schlimme Taten ist. Jesus nennt keinen Namen, sondern macht es symbolisch: Es ist der, dem ich das Essen anreiche. Und in dem Moment als Judas den Bissen entgegennimmt, wird klar wer der Verräter ist. Judas, das sprichwörtliche Musterbeispiel eines Verräters. Wer auch sonst? Doch es ist ganz anders als wir uns das wahrscheinlich vorstellen. Jedenfalls erzählt es so der Evangelist Johannes. In genau diesem Moment, so schreibt Johannes, durchfährt es Judas. Der Teufel ist in ihn gefahren und macht ihn zum Verräter. Das muss man sich mal vorstellen, liebe Gemeinde! Jesus reicht dem Jünger Judas das Essen und bringt ihn damit zum Verrat. Eine seltsame Handlung ist das. Denn normalerweise – und das war damals nicht anders als heute – hat das gemeinsame Essen doch eher etwas mit Freundschaft zu tun als mit Hass, Wut oder Untreue. Jesus will die Freundschaft zu Judas auch nicht aufkündigen. Er wirft ihn nicht hinaus, er beschimpft ihn nicht, er klagt ihn nicht an.

Das erscheint uns rätselhaft, doch im Johannesevangelium wird Jesus so beschrieben. Er weiß genau, was mit ihm geschehen wird, aber er lässt es geschehen. Denn das alles gehört zum größeren Heilsplan Gottes und für den muss Jesus leiden. Und dafür muss er verraten werden. Es geht nicht anders. Ob es Judas oder einer der anderen Jünger sein wird ist nebensächlich. Auch Judas ist nur Werkzeug Gottes, um den Plan zu erfüllen. Nach dieser Erzählung hätte es auch jeder andere der Jünger sein können und Judas ist nur ein zufällig ausgewählter Verräter. Kann es sein, dass Judas erst beim Essen die Idee bekam? Wurde er womöglich nur deshalb zum Verräter, weil er gerade so hungrig aussah oder weil rein zufällig er auf eine Armlänge von Jesus entfernt lag? Wie gesagt: Das alles gehört zu Gottes Plan, so erzählt es der Evangelist. So gesehen ist Judas ein Werkzeug Gottes, nicht des Teufels. Und er ist es unfreiwillig, überraschend, nicht aus freier Entscheidung heraus. Es hätte jeden der Jünger treffen können. Darauf weist auch die Reaktion der Jünger hin, die sich nach Jesu Ankündigung ein wenig ertappt fühlen. Haben sie eventuell selbst schon über den Verrat nachgedacht? Sind sie vielleicht alle ein wenig enttäuscht von Jesus?

An Jesus aus Nazareth stellten viele Menschen große Erwartungen. Er sollte der heldenhafte Anführer sein, der mit Gottes Hilfe endlich die verhassten Römer aus dem Land wirft und das schon lange untergegangene Königreich Israel zu neuer Blüte erweckt. Doch Jesus enttäuschte diese Leute. Von Aufstand und Kampf war bei ihm nicht die Rede. Er nahm die römische Herrschaft hin, denn es ging ihm um etwas ganz anderes. Jesus geht es um den Glauben, den Weg zu Gott, auch um das kommende Reich Gottes. Aber das ist nun mal ein ganz anderes Reich als die Reiche dieser Welt mit ihren Königen und Palästen, den Soldaten und den Kriegen. Ein Reich, das nicht nach den Regeln unserer Welt verläuft. Jesus verkündete Frieden, nicht Aufstand.

Da wundert es nicht, wenn die Menschen enttäuscht von ihm sind. So sehr, dass diejenigen, die ihm bei seinem Einzug zujubelten, schon wenige Tage später seinen Tod fordern. Er ist doch nicht der Revolutionär, der große Anführer des Befreiungskampfes, den sie wollten. Er hetzt nicht gegen die römischen Besatzer, sondern hält den Menschen auch mal den kritischen Spiegel vor. Er stellt die Lebensweise der Einheimischen in Frage. Ihren Reichtum, ihre Traditionen, auch ihre Vorurteile werden von ihm kritisiert. Selbst einige Irrwege ihres Glaubens erwähnt er in seinen Reden. Nur zur aktuellen politischen Lage kommt kein Wort, geschweige denn die ersehnten Taten.

Und warum wurde Judas der Verräter? Wir wissen es nicht. Vielleicht war es wirklich Zufall. Oder er war wütend, weil Jesus den Lieblingsjünger hatte, von dem hier erzählt wird. Dann wäre es ein Verrat aus enttäuschter Liebe, aus Eifersucht. Oder eben weil Jesus nicht zum Anführer des Volkes werden will, jedenfalls nicht so wie viele das erhofften. Dann wäre er enttäuscht von der Friedfertigkeit des Meisters. Es könnte sogar sein, dass er damit nicht der einzige der Jünger ist, denn über deren Gründe Jesus nachzufolgen, wissen wir nur sehr wenig. Aber enttäuscht oder eifersüchtig könnten sie fast alle sein. Das merken wir auch an der Reaktion der Jünger auf Jesu Ankündigung. Ein wenig fühlen sie sich alle ertappt. Doch nur einen trifft es. Ausgewählt von wem? Von Jesus? Vom Teufel? Vom eigenen Willen? Das bleibt offen. Doch wie auch immer: Es kommt zum Verrat. Jesus scheint das gar nicht so zu erschüttern, er hofft nur, dass es schnell geht. Also kein wochenlanges banges Warten auf das Ende, sondern das ganze Geschehen von diesem Moment bis zum Tod am Kreuz spielt sich innerhalb von noch nicht einmal 24 Stunden ab.

Wir hören heute vom Verrat des Judas sozusagen als Eingangstor zur Passionszeit. Das soll also die Richtung für die nächsten Wochen vorgeben. Verrat – das hört sich schlimm an, aber es geschieht immer wieder. Erinnern wir uns an die Menschen, die in der DDR oder auch in Rumänien unter den Spitzeln des Geheimdienstes litten. Menschen, denen man vertraute, entpuppten sich plötzlich als Verräter. Doch genauso hätte es in manchen Fällen auch andersherum sein können. Dann wird man selbst zum Spitzel, zum Verräter. Am Anfang vielleicht aus Naivität oder weil man denkt, es sei richtig. Später dann kommt man nicht mehr raus aus der Rolle. Wussten Sie, dass die einst so gefürchtete Gestapo eine ziemlich kleine Organisation war? Kein solcher Riesenapparat wie die Stasi der DDR, sondern gerade mal mit einem Zehntel des Personals. Die lebten davon, dass die Menschen einander verrieten. Die Nachbarn, die Freunde und Kollegen, manchmal auch die eigenen Verwandten. Die meisten taten dies nicht, weil sie den anderen bewusst schaden wollten, sondern weil sie glaubten, damit auf der Seite der Guten zu stehen, das Land vor Gefahren zu bewahren. Erst später wurde vielen klar, was sie da getan hatten. So wie Judas, der sich kurz nach seinem Verrat erhängt. Und manche glaubten noch lange Zeit, richtig gehandelt zu haben. Wer will denn schon für das grausame Schicksal anderer verantwortlich sein? Die Erkenntnis der eigenen schweren Schuld ist unsagbar schwer. Und damit leben ist wohl noch viel schwerer. Vielleicht hat Judas deshalb sein Ende gewählt.

Doch so weit sind wir mit unserem Textabschnitt nicht, das folgt erst später. Heute geht es um den Verrat und den Verräter. Ausgerechnet Judas ist es. Nicht irgendein dahergelaufener Krimineller oder ein Agent des Geheimdienstes, sondern einer der Jünger. Er hatte wohl die Position des Kassenwarts der Jünger inne, so erzählt es Johannes. Also jemand, dem man besonderes Vertrauen schenkt, so möchte man meinen. Einer, wo noch wenige Minuten vorher alle anderen Jünger gesagt hätten: „Für den leg ich meine Hand ins Feuer!“ Und nun das – er ist der Verräter. Überraschend für alle und vermutlich auch für Judas.

Gibt es Hoffnung für ihn? Zumindest gibt es ein Hoffnungszeichen. Denn das Mahl, welches die Jünger miteinander feierten, war nicht irgendein Mahl. Es war das Mahl, an welches wir uns erinnern mit den Worten „In der Nacht, da er verraten wurde und ein letztes Mal mit seinen Jüngern beisammen saß.“ Sie kennen das und Sie wissen auch wie es in den Worten zur Einsetzung gesagt wird, dass es zur Vergebung der Sünden, der Schuld geschieht. Und auch um Anteil an Jesu Leben, Leiden, Tod und Auferstehung zu haben: „Dies ist mein Leib“ sagt Jesus beim Brechen des Brotes.

Und nun? Judas bekommt von Jesus das Brot gereicht. Doch ist es zur Vergebung der Schuld, ist es zur Stärkung durch die Gegenwart Jesu Christi oder um zum Verräter zu werden? Das eine wohl genauso wie das andere. Jesus beschimpft Judas nicht. Auch die anderen Jünger sind still. Niemand sagt etwas. Keine bösen Bemerkungen, sogar der sonst so impulsive Petrus bleibt ruhig sitzen. Keine Verachtung, auch keine Appelle, es sich noch mal anders zu überlegen. Judas, so wird es hier geschildert, ist Gottes Werkzeug und es hätte jeden der Jünger treffen können. Still verlässt Judas den Raum und es war Nacht.

Die Nacht in der Jesus verraten und verhaftet wurde, die Nacht der Enttäuschungen und der Ausflüchte. Die Nacht des Schreckens. Doch diese schlimmen Begebenheiten sind nur das grausame Vorspiel zu Gottes Herrlichkeit. Deshalb musste Judas es tun. Ohne seinen Verrat wäre es nicht zur Hinrichtung am Kreuz gekommen, ohne die Kreuzigung hätte es keine Auferstehung gegeben – nicht für Jesus und nicht für uns und all die, die wir zu Grabe tragen. Ohne Judas hätte der Tod das letzte Wort behalten, ohne Judas hätten wir keine Hoffnung. Das klingt makaber, aber auf diesen krummen Wegen führt der Weg Gottes. Ja, es war Verrat, das ist wohl wahr. Doch es hätte jeden treffen können. Jeden der Jünger und wohl auch jeden von uns, wenn wir dabei gewesen wären. Aber auch dann wären wir Werkzeug Gottes gewesen, ohne dass wir Gottes Plan verstanden hätten. Manchmal sind Gottes Wege ganz anders, als wir uns das denken. Manchmal erscheint Gottes Tun grausam und unverständlich. Doch das Schöne an Gottes Geschichte mit uns Menschen ist ja: Es geht gut aus, vielleicht sogar für Judas. Das sollten wir nicht vergessen, wenn wir uns in diesen Wochen der Passionszeit ganz besonders dem Leiden Jesu widmen. Amen.

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  • Zuletzt geändert: 28.11.2020 13:24
  • von Manuel Krischer