Liebe Gemeinde,

für Jesus war das gemeinsame Essen sehr wichtig. Und das nicht nur an dem Abend vor seiner Kreuzigung, als er das Abendmahl einsetzte. Ein Mahl, welches auch in Zukunft die Gemeinschaft der Glaubenden untereinander und mit Jesus erlebbar macht. Auch sonst erzählen die Evangelien immer wieder davon, wie Jesus mit den Menschen beim Essen zusammensitzt und sich unterhält. Solch eine gemeinsame Mahlzeit bietet einen guten, entspannten Rahmen für ein Gespräch über Gott und die Welt. Da sind wir heute auch nicht anders. Auch die Begegnungen der Jünger mit dem auferstandenen Jesus haben öfters etwas mit Essen zu tun. Am bekanntesten ist sicher die Geschichte von den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus. Bei der Mahlzeit erkennen sie in ihrem Gesprächspartner plötzlich den auferstandenen Herrn.

In der Erzählung, die uns heute beschäftigen soll, lädt Jesus einige Jünger zum Grillen am Strand ein. Sie findet sich im letzten Kapitel des Johannesevangeliums:

Danach zeigte sich Jesus den Jüngern noch einmal, am See von Tiberias. Und er zeigte sich so: Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Natanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren beisammen. Simon Petrus sagt zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagen zu ihm: Wir kommen auch mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen ins Boot und fingen nichts in jener Nacht. Als es aber schon gegen Morgen ging, trat Jesus ans Ufer; die Jünger wussten aber nicht, dass es Jesus war. Da sagt Jesus zu ihnen: Kinder, ihr habt wohl keinen Fisch zum Essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sagt zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet einen guten Fang machen. Da warfen sie es aus, und vor lauter Fischen vermochten sie es nicht mehr einzuziehen. Da sagt jener Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr. Als nun Simon Petrus hörte, dass es der Herr sei, legte er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser. Die anderen Jünger aber kamen mit dem Boot - sie waren nämlich nicht weit vom Ufer entfernt, nur etwa zweihundert Ellen - und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her. Als sie nun an Land kamen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf liegen und Brot. Jesus sagt zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt. Da stieg Simon Petrus aus dem Wasser und zog das Netz an Land, voll von großen Fischen, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, riss das Netz nicht. Jesus sagt zu ihnen: Kommt und esst! Keiner von den Jüngern aber wagte ihn auszuforschen: Wer bist du? Sie wussten ja, dass es der Herr war. Jesus kommt und nimmt das Brot und gibt es ihnen, und ebenso den Fisch. Das war schon das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern zeigte, seit er von den Toten auferweckt worden war. (Joh 21, 1-14)

Wir lesen eine Erzählung mit vielen Facetten. In diesen 14 Versen steckt so einiges über unser Leben, unseren Glauben und über Jesus Christus. Manches davon möchte ich kurz erwähnen.

Die Vorgeschichte dieser Erzählung wird stillschweigend vorausgesetzt. Einige der Jünger sind wohl wieder in ihre Heimat an den See Tiberias zurückgekehrt, ein paar andere sind mitgekommen. Petrus und seine Freunde kehren zurück in ihren Alltag, so haben sie es vor. Das ist ja auch gut verständlich: Immer nur rumsitzen, Trübsal blasen und an die Vergangenheit denken, hilft auf Dauer nicht. Also machen sie das, was sie schon gemacht hatten, bevor sie Jesus folgten: Sie gehen Fischen. Doch an diesem Tag haben sie kein Glück, die Netze bleiben leer.

Die nun folgende Szene erinnert an die Berufung des Petrus, so wie sie im Lukasevangelium erzählt wird (Lk 5,1-11). Auch dort hat Petrus kein Glück beim Fang, wie das bei Fischern manchmal vorkommt. Aber Jesus fordert ihn auf, nochmals das Netz auszuwerfen und dieses Mal wird es ein voller Erfolg. Und so ist es auch hier: Der Unerkannte am Ufer nennt ihnen die Stelle und wieder füllt sich das Netz.

Die Zahl von 153 Fischen ist etwas rätselhaft. Die meisten Zahlenangaben in den biblischen Erzählungen symbolisieren etwas, zum Beispiel 7, 12 oder 40. Doch eine einleuchtende Erklärung für die Menge von 153 Fischen hat seit mindestens 1800 Jahren kein Ausleger gefunden. Vielleicht hat da jemand nachgezählt, schnell geschätzt oder es ist irgendeine große Zahl, die dem Erzähler spontan einfiel – wir wissen es nicht. Doch im weiteren Verlauf der Geschichte spielt die Zahl der Fische auch keine Rolle, darum lassen wir sie einfach mal so stehen. Merken wir uns einfach, dass das Netz bis zum Zerreißen gefüllt war.

Jesus jedenfalls wird nun von den Jüngern erkannt, sie trauen sich nur nicht ihn zu fragen: „Herr, bis du es wirklich?“ Das ist aber auch nicht nötig, denn sie wissen es ja. Es wäre also eine überflüssige Frage. Er ist da, mitten in ihrem Alltag taucht er plötzlich auf und verändert somit ihre trübe Zukunft. Er reißt sie aus ihrer geplanten Rückkehr in den Alltagstrott.

Wie so oft wenn Jesus da ist, gibt es nun etwas zu essen. Der auferstandene Jesus lädt seine Jünger zum Grillfest ein. Er hat das Feuer schon vorbereitet, auch die ersten gegrillten Fische liegen schon bereit. Es wird sicher ein schmackhaftes und fröhliches Mahl gewesen sein.

Von den Gesprächen am Feuer erzählt der Evangelist nichts. Ob die Jünger Jesus mit Fragen bombardiert haben, ob Jesus ihnen Aufträge gab oder ihnen Mut und Hoffnung zusprach wird nicht erzählt. Es geht hier um die Gemeinschaft, nicht um das Gesagte oder Verschwiegene. Sicher hat der überraschend erfolgreiche Fischzug und das Mahl mit dem Auferstandenen die Jünger verändert, da braucht es keine großen Worte. Sie wissen nun: Jesus ist wirklich der Messias, der Christus. Er lebt und er ist bei ihnen, wenn sie nicht mehr weiter wissen. Ob und wie man das alles erklären kann und soll ist nicht so wichtig. Glaube braucht nicht für alles eine Erklärung.

Was sicher auch wichtig ist und was wir aus dieser Erzählung erfahren: Der Glaube in der Person von Jesus Christus bricht manchmal mitten in den Alltag hinein. Jesu Gegenwart kann uns überall begegnen, ob im Gottesdienst, bei der alltäglichen Arbeit oder auch bei einem fröhlichen Grillfest. Jesus umfasst das ganze Leben, nicht nur einige ausgewählte Momente an Sonn- und Feiertagen oder beim Abendgebet. Nein, Jesus ist da, auf allen unseren Wegen. Es kann sein, das wir ihn nicht direkt erkennen, so wie die Jünger als er am Ufer stand und mit ihnen sprach. Aber er ist da. Und wenn mal etwas nicht so gut läuft, wie zum Beispiel das leere Netz in dieser Geschichte, dann erst recht. Denn was hier nicht weiter erwähnt wird, weil es für den Evangelisten vermutlich selbstverständlich war: Wenn die Fischer nichts fangen haben sie auch kein Einkommen. Das leere Netz bedeutet leere Mägen bei ihnen und ihren Familien.

Auch wenn diese Erzählung zwischen den Evangelien sozusagen ausgetauscht wird, finde ich die Wiederholung des Fischzugs aus dem Lukasevangelium bemerkenswert. Damals, bei seiner Berufung, folgte der Fischer Petrus Jesus auf seinem Weg. Er soll Menschenfischer werden, sagt Jesus damals zu ihm. Nun wird er diesen Weg fortsetzen, die Rückkehr in sein altes Leben als Fischer am See findet doch nicht statt. Die Auferstehung hat also auch für Petrus, der doch immer ganz handfest an die Dinge herangeht, einschneidende Folgen. Die Begegnung mit Jesus, ihm Nachzufolgen war doch nicht nur eine nette Episode von einigen Monaten. Es war weit mehr als das größte Abenteuer seines Lebens, von welcher der alte Fischer später mal den Enkeln erzählen wird. Denn die Sache mit Jesus geht weiter, Petrus bleibt Menschenfischer bis zu seinem Tod. Und so ist es auch mit den anderen Jüngern, die dabei waren. Auch sie wissen spätestens nach diesem Grillfest am See, dass es in ihrem Leben mit Jesus Christus weitergeht. Nicht der Alltag hat sie wieder eingeholt, sondern Jesus Christus hat sie zurückgeholt aus ihrem alltäglichen Trott.

Auch wenn es hier nicht Brot und Wein gibt, sondern Fisch und dazu ein paar Stücke Brot, ist das gemeinsame Mahl wichtig. Am Feuer, als Jesus ihnen die Speise reicht, erfahren die Jünger mit allen Sinnen die Nähe des Herrn.

Die Auferstehung Jesu, um die es an diesem ersten Sonntag nach Ostern natürlich geht, ist ein Fest. Sie ist auch ein unerklärliches Wunder, welches von den Jüngern gar nicht groß hinterfragt wird. Der Herr ist da und der Herr teilt das Mahl aus. Was gibt es da noch groß zu fragen oder zu zweifeln? Und schließlich ist die Begegnung mit Jesus mitten in ihren Alltag hineingeplatzt. So jedenfalls wird es hier erzählt. Mitten hinein in die alltäglichen Höhen und Tiefen des Fischerdaseins kommt Jesus, der Auferstandene. Er verhilft ihnen zu einem großartigen Fang und er lädt sie ein zu seinem Mahl, zur Feier seiner Gegenwart. So wie wir auch in seinem Namen das Mahl feiern würden, wenn dem nicht die aktuellen Hygienevorschriften entgegenstünden.

Das gemeinsame Mahl, von Jesus ausgeteilt, ist vermutlich auch der Grund, weshalb diese Erzählung als Predigttext für den Sonntag nach Ostern ausgewählt ist. An diesem Sonntag empfingen in der frühen Christenheit die zu Ostern neu Getauften zum ersten Mal das Abendmahl im Kreis der Gemeinde. Deshalb feiert die katholische Kirche bis heute an diesem Tag das Fest der Erstkommunion. Dass der Termin heute etwas flexibler geworden ist, liegt ja nicht an Corona, sondern am Priestermangel. Die wenigen katholischen Priester können nicht überall gleichzeitig sein und die erste Kommunion feiern.

Auch ich würde ja wie gesagt gerne das Abendmahl in gewohnter Runde feiern. Aber auch ein Grillfest mit der Gemeinde wäre schön. Doch noch steht dem die Ansteckungsgefahr durch das Coronavirus entgegen. Das haben wir noch nicht im Griff. Warten wir also noch ein paar Wochen, vielleicht zwei oder drei Monate. Doch was zweitausend Jahre Bestand hat, lässt sich von anderthalb Jahren Lockdown nicht so leicht vertreiben. Da sollten wir optimistisch sein und mehr hoffen. Das Gute und Wichtige hat Bestand, auch nach Corona. Also weiter Abwarten bis zur Abendmahlsfeier, bis zum Grillfest.

Denn wenn wir etwas in diesen Coronazeiten lernen, dann ist das nicht nur Solidarität, sondern auch Geduld zu haben. Vieles von unserem Gemeindeleben legt eine Pause ein, das lässt sich nicht verhindern. Und bei manchem wird es uns vermutlich so gehen wie Petrus, der in gewohnter Weise auf den See fährt und seine Netze auswirft. So wie in der Zeit bevor ihn Jesus rief. Aber es klappt nicht mehr. Die alten Wege sind wahrscheinlich nicht mehr alle vorhanden, es wird neue Wege geben. Wege, auf denen uns Jesus begleitet, Wege, die vielleicht ungewöhnlich sind. Ich weiß nicht, wohin uns als Christenheit dieser Weg führt, doch es wird sicher ein Weg mit Jesus sein. Und darum ist es ein guter Weg. Und es ist ein Weg, an dem wir beim Mahl – ob mit gegrilltem Fisch oder traditionell mit Brot und Wein – die Gemeinschaft erfahren und genießen. Die Gemeinschaft der Jüngerinnen und Jünger, zu denen auch wir gehören. Da sind wir in der Nachfolge von Petrus, Thomas, Nathanael und den anderen auf dem Boot. Doch es ist nicht nur die Gemeinschaft in der Gemeinde, sondern genauso ist es auch die Gemeinschaft mit Jesus. Er ist auferstanden und er ist da. Er sitzt mit den Jüngern am Feuer, er ist auch bei uns in Brot und Wein, in Taufe und Gebet, er begleitet unsere Wege, er stärkt uns in schweren Stunden.

An diesem Punkt geht es uns wie Petrus und seinen Freunden. Die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus reißt uns aus dem gewohnten Alltag, eröffnet neue Sichtweisen und Wege. Wir wissen: Wir sind nicht allein, er steht am Ufer, beobachtet und hilft uns. Manchmal geht es uns da wie Petrus in dieser Erzählung und wir erkennen ihn zuerst nicht, weil wir mit anderem beschäftigt sind.

Doch am Ende werden wir von ihm eingeladen. Vielleicht zum Grillen, das hätte ja auch was. Ganz bestimmt aber zu einem großartigen Fest ohne Ende. Ein Fest, bei dem Jesus mittendrin ist und uns von all dem befreit, was uns das Leben schwer macht. Was für eine wunderschöne Zukunftsaussicht!

Amen

der für den heutigen Palmsonntag vorgeschlagene Predigtabschnitt findet sich im Hebräerbrief:Hebr 11.1-2 u.12, 1-3 (PR III)

Liebe Gemeinde, Zunächst einmal hören wir einen kurzen Satz über den Glauben: Glauben ist die Gewissheit auf das, was man hofft und zwar ohne es zu bezweifeln. Das ist zwar richtig, doch von den Zweifeln können wir uns nicht frei machen. Die gibt es immer wieder und das ist auch nicht weiter erschreckend. Es gehört zum Glaubensleben dazu, dass man den Glauben manchmal infrage stellt. Nur so kann er sich weiterentwickeln. Denn wer von uns glaubt mit 40 oder 60 Jahren noch so wie mit 6 Jahren? Doch hier geht es nicht um Zweifel, sondern um die Kraft aus dem Glauben. Diesen Glauben hatten auch schon unsere Glaubensvorfahren, heißt es dann, doch dazu später.

Sehen wir uns also die anderen Verse einmal an: Dort ist von einem Lauf, also einem Weg die Rede. Wir sind auf dem Weg, heißt es hier, und dieser Weg wird uns durch vieles erleichtert. Da ist zunächst einmal die Wolke der Zeugen. Sie wird in dem vorangehenden Kapitel ausführlich beschrieben. Ich habe diese Verse ausgelassen, weil es für das eigentliche Thema nichts beiträgt. Gemeint sind mit den Zeugen Gestalten der Bibel, deren Vertrauen auf Gott beispielhaft ist. Sie kennen bestimmt einige dieser Personen. Wenn Sie möchten können sie es im 11. Kapitel des Hebräerbriefs gerne nachlesen.

Der Brief zeigt an diesen Zeugen, wie viel Kraft, Mut und Durchhaltevermögen der Glaube an Gott verleihen kann. Daran können wir uns ein Beispiel nehmen und gleichzeitig wissen wir: Wir gehen unseren Lebensweg nicht allein. Als zweites brauchen wir nicht so schwer zu tragen an unserer Schuld, an dem, was uns das Leben so beschwerlich macht. Dies alles ist uns durch Gott vergeben – das ist sicherlich eine der wichtigsten Botschaften des christlichen Glaubens. Wir können also unseren Weg mit leichtem Gepäck fortsetzen. Drittens haben wir einen Führer, der uns auf dem Weg vorangeht: Jesus selbst, der uns auf dem Glaubensweg führt und uns sicher ans Ziel bringt. Auch sein Beispiel kann uns ermutigen, damit wir nicht aufgeben, sondern unser Vertrauen in Gott bewahren.

Nun stellt sich natürlich die Frage: Wohin führt dieser Weg des Lebens? Auch hier antwortet der Hebräerbrief wieder mit Bildern. Bilder, die uns heute vielleicht etwas fremd sind, den damaligen Lesern und Hörern aber gut vertraut waren. Einige Verse weiter folgt das Bild der Stadt Gottes, des himmlischen Jerusalems. Zu Gottes herrlicher Ewigkeit also führt uns dieser Lebensweg, eigentlich ein sehr verlockendes Ziel. Und damit wir nicht unterwegs irgendwo allzu lang stehen bleiben, uns womöglich niederlassen, anstatt den Weg fortzusetzen, endet diese Bildrede nochmals mit dem deutlichen Hinweis: Wir haben hier keine Stadt, in der wir bleiben können, sondern wir warten auf die Stadt, die kommen wird.

So weit, so gut. Und doch frage ich mich: was hindert uns so oft am Weitergehen auf dem Weg des Glaubens, des Vertrauens? Einem Weg, den doch – so unser Predigtabschnitt – schon so viele vor uns gegangen sind, die uns als gutes Beispiel dienen könnten. Ist es nicht so, dass wir viel zu oft steckenbleiben oder gar aufhören, den Weg weiter zu gehen?

Es gibt sicherlich viele Gründe, aufzugeben: manch einer zum Beispiel wird müde, weil die Strecke viel länger und schwieriger ist, als er oder sie sich das gedacht hat. Andere hören auf, weil sie kein Ziel mehr vor Augen haben, weil sie nicht wissen wohin und wozu sie sich denn bewegen sollen, was der Sinn dieser Mühe ist. Das war dem Autor des Briefs noch gar nicht so in den Sinn gekommen, seine Gemeinden damals hatten das Ziel vor Augen, nur der Weg war von vielen Schwierigkeiten begleitet.

Heute hingegen habe ich den Eindruck, ist das Ziel an den Rand gerückt. Wer von uns sehnt denn den Anbruch des Gottesreiches inniglich herbei? Wenn ich Sie nach Ihren Zukunftshoffnungen fragen würde, würde das Reich Gottes bei den meisten vermutlich nicht an erster oder zweiter Stelle stehen. Da sieht die Zukunftshoffnung doch eher so aus: Ein schönes Haus, ein oder zwei gesunde Kinder, ein sicherer Arbeitsplatz, ein feines Auto, viele Urlaubsreisen, ein langes gesundes Leben für mich und meinen Partner, bzw. meine Partnerin. Alles Dinge, die unser begrenztes Leben beschreiben, aber nichts, was darüber hinausgeht. Die Hoffnung auf das Reich Gottes, das eben nicht von dieser Welt ist, kommt nicht vor. Wir geben uns mit der Welt zufrieden, in der wir leben, wollen gar keine andere, bessere. Höchstens ein etwas besseres Leben in dieser Welt. Es geht uns doch ganz gut – warum also soll man da groß was dran ändern! Wenn wir im Vaterunser beten „Dein Reich komme“ sollten wir also ehrlicherweise anfügen, „aber bitte erst in sehr ferner Zukunft.“

Das Reich Gottes ist uns aus dem Blick gekommen, so scheint es. Uns fehlt diese Zukunftshoffnung, wir leben nur in der Gegenwart, vielleicht auch noch ein wenig in der Vergangenheit. Aber vielleicht denken Sie jetzt: „Das ist doch gar nicht so schlimm, wo ist da das Problem? Es ist doch toll, wenn wir Perspektiven für unser weiteres Leben haben!“

Doch, das ist ein Problem. Denn wenn unser Glauben keine Zukunftshoffnung mehr hat, wen sollen wir denn damit noch begeistern, wen auf unserem Weg mitnehmen? Wenn wir unsere Hoffnungen überwiegend auf das Geschick unserer Politiker oder das Wohlergehen der Weltwirtschaft setzen und nicht auf Jesus Christus, dann sind wir arme, hoffnungs- und zukunftslose Menschen. Dann ist mit dem Tod alles aus, dann ist unsere Zukunft wirklich sehr begrenzt und überschaubar. Bestenfalls setzen wir noch Hoffnung in unsere Nachkommen, die Kinder und Enkel – aber mehr ist dann nicht.

Also müssen wir etwas dagegen tun. Doch wie bekommen wir diese Zukunftshoffnung zurück? Unser Predigttext kann dabei etwas weiterhelfen. Da ist zunächst einmal die Wolke der Zeugen, wie es so schön heißt. Also die Menschen, die im Namen Gottes und in der Nachfolge Jesu Christi die Menschheit entscheidend vorangebracht haben. Sie taten dies doch nicht, weil sie die schöne Gegenwart verlängern wollten. Ihr Traum war nicht ein größeres Haus, alle drei Jahre ein neuer Fernseher und jedes Jahr ein schicker Urlaub oder so etwas. Nein, sie wollten die Welt zum Besseren hin verändern, sozusagen als Vorgeschmack auf das Reich Gottes. Deshalb kreisten sie mit ihren Zielen nicht um sich selbst oder einen begrenzten Kreis von Familie und guten Freunden, sondern nahmen das Schicksal Vieler in den Blick. Das sollten wir uns immer wieder deutlich machen, gerade als gutes, ermutigendes Beispiel. Die wichtigen Veränderungen entstehen aus der Hoffnung heraus, aus der Hoffnung auf eine bessere Zukunft für alle Menschen. Denn auch das dürfen wir nicht übersehen, selbst wenn es uns noch so gut geht: Wenn wir uns wünschen, die Gegenwart noch ein wenig auszuschmücken und zu verlängern, dann wäre dies für zahllose Menschen weltweit eine nicht endende Katastrophe. Denn auch wenn wir das nicht immer wahrhaben wollen: An so vielen Ecken unserer Welt wird gehungert, wird ausgebeutet, wird gefoltert und getötet, überall in unserer Welt wird betrogen und gelogen, gelitten und gestorben. Wir leben auf Kosten anderer Menschen und auf Kosten unserer Umwelt. So gut ist diese Welt nicht, dass es da nichts besseres gäbe. Die Not, die wir so gerne übersehen oder verdrängen, ist jeden Tag Realität. Kranke hoffen auf Besserung, Arbeitslose auf eine Änderung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, Flüchtlinge auf eine neue dauerhafte Heimat, Hungernde auf genügend Nahrung für alle und so weiter.

Wer sich wünscht, dass alles so bleiben soll wie es ist, nimmt die Not der anderen nicht ernst. Was aber ist das für eine Christenheit, was für eine Gemeinde, wo einer den anderen, den Nächsten, in seiner Not nicht wahrnimmt? Nur weil dieser Nächste nicht im Nachbarhaus wohnt, sondern vielleicht ein paar Straßen weiter oder drei Länder entfernt. Ohne Hoffnung auf Besserung hätte unser Glauben, unser Tun und Reden seinen Sinn verloren.

Die Wolke der Zeugen der Christenheit kann uns viele Beispiele dafür geben, was man mit der Kraft des Glaubens und der Hoffnung erreichen kann. Und sie soll uns ermutigen, dass wir uns nicht mit dem, was ist zufrieden geben. Wir leben bei Weitem nicht im Paradies auf Erden und das können wir auch mit unseren begrenzten Mitteln und Fähigkeiten nicht erreichen. Das mag uns die Werbung versprechen, das haben Leute wir Karl Marx und andere Politiker und Philosophen erträumt, doch es geht nicht. Das Reich Gottes ist und bleibt jenseits unserer Möglichkeiten und ist doch ein großartiges, verheißungsvolles Ziel.

Und dann ist da noch Jesus Christus, der uns vorangeht auf unserem Weg. Ganz abgesehen davon, dass wir ihn aus dem Blick verlieren, wenn wir uns mit dem Bestehenden abfinden: Wozu dann sein Kommen, sein Tod und seine Auferstehung? Das alles ist doch für uns geschehen und nicht für irgendwelche Wesen auf anderen Planeten zu anderen Zeiten. Uns ist die Vergebung unserer Schuld zugesagt, wir sind diejenigen, die ihm in die Auferstehung von den Toten nachfolgen. Seine Botschaft vom kommenden Reich Gottes soll von uns gehört und begriffen werden, um so die Welt in seinem Sinne zu verändern.

Wenn wir das Ziel unserer Hoffnung aus dem Blick verlieren, geht uns viel verloren: Leidenschaftlichkeit, Engagement, Lebensfreude, aber auch die Fähigkeit, mit Leiden richtig umzugehen.

Doch Hoffnung kann man nicht befehlen, auch nicht wie ein Medikament verordnen. Hoffnung muss wachsen. Wachsen wie der Glaube, der ja eine feste Zuversicht ist, wir wir am Anfang hörten. Und so möchte ich Sie ermuntern darüber nachzudenken, wie arm ein Leben ohne Hoffnung ist. Und vielleicht können sie ja Gott im Gebet bitten, dass er in Ihnen die Hoffnung neu entfachen möge, wenn sie verloren gegangen ist. Denn ein Leben ohne Hoffnung bleibt im Diesseits stecken. Das Diesseits alleine ist aber zu kurz für die Pläne, die Gott mit uns hat. Amen

Liebe Gemeinde,

am vorletzten Sonntag der Passionszeit hören wir in diesem Jahr einen Abschnitt aus dem Buch Hiob. Predigtabschnitte aus Hiob sind eher selten, deshalb zunächst ein paar Worte zu diesem eher ungewöhnlichen Buch. Man hat den Eindruck, es passt nicht so richtig in die Schriftensammlung des Alten Testaments. Weder berichtet es von der Geschichte des Volkes Israel, noch gibt es die Worte eines Propheten wieder. Und Lieder, so wie die Psalmen, sind es auch nicht.

Es stimmt: Das Buch Hiob erzählt kein historisches Ereignis, sondern ist so eine Art Theaterstück, ähnlich wie ein klassisches Drama. „Und warum steht das in der Bibel?“ fragen Sie sich vielleicht. Weil es beispielhaft um den Umgang des Menschen mit Leid geht und um das Vertrauen auf Gott. Also um Grundfragen des Glaubens. Warum lässt Gott Leiden zu und wo ist Gott, wenn wir Menschen leiden? So gesehen gehört das Buch Hiob zu den großen Werken der Weltliteratur und hat deshalb in der Bibel seinen passenden Ort.

Die Rahmenhandlung des Buchs ist schnell erzählt: Hiob war ein Mensch, dem alles gelang. Er hatte viele Güter, eine große Familie und war allseits angesehen und beliebt. Auch war er fromm, vertraute stets auf Gottes Beistand. Doch Gott und der Teufel schlossen eine Wette ab: „Wetten, dass auch der Frömmste, so wie dein Musterknabe Hiob, im großen Unglück an dir zweifelt und dich sogar verflucht?“ sagte der Teufel. „Niemals,“ entgegnete ihm Gott und hielt somit dagegen. „Du darfst alles mit ihm machen,“ sagte Gott, „nur umbringen darfst du ihn nicht. Und ich sage dir: Er wird mir bestimmt treu bleiben!“ Und so nahm das Unheil für Hiob seinen Lauf. Unwetter und Kriege vernichteten seinen gesamten Besitz und alle seine Kinder starben. Schließlich wurde er selbst von einer schrecklichen Hautkrankheit befallen. Das alles wird in zwei kurzen Kapiteln erzählt, denn es ist ja nur der Rahmen.

Und dann beginnt der Hauptteil dieses Buchs. Drei Freunde – später kommt noch ein Vierter hinzu – besuchen Hiob um ihn in seinem Unglück zu trösten. Sie setzen sich zu ihm und schweigen eine Woche lang. Dann beginnt ein langes Gespräch zwischen Hiob und seinen Freunden. Im Hebräischen ist es als Folge von Gedichten verfasst, so wie wir das von alten Theaterstücken kennen. Es geht darin um das Leiden des Gerechten. Wie kann es sein, dass ein so guter Mensch so leidet? Das ist eine Frage, die wir immer wieder so oder ähnlich stellen. Wie kann es sein, dass gute Menschen, liebevolle Väter, herzensgute Mütter, unschuldige Kinder leiden müssen oder sogar früh sterben, während mancher Fiesling in Saus und Braus lebt?

Die Freunde haben nur billigen Trost. Doch immerhin sind sie da, das ist ja schon mal etwas. Sie lassen Hiob nicht allein in seinem Schmerz und seiner Trauer. Das kann man ihnen nicht hoch genug anrechnen. Doch es fehlen ihnen die richtigen Worte und Antworten auf Hiobs Schicksal. Sie wollen es erklären, fassbar machen. Und so suchen sie den Grund für das Schreckliche bei Hiob. Sie drängen darauf, dass Hiob irgendwie doch Schuld an seinem Unglück sein muss. „Einfach so, ganz ohne Grund wird doch niemand so gestraft,“ sagen sie. „Doch, genau das geschieht mir,“ sagt Hiob. Er sieht sich als unschuldiges Opfer, klagt Gott an und bittet ihn gleichzeitig um Gnade und Erlösung vom Unglück.

Nach so viel Vorrede und Erklärung hören Sie nun einen Ausschnitt aus den Reden Hiobs, nachzulesen im 19. Kapitel:

Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt. Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon. Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, ihr meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch? Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, mit einem eisernen Griffel und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen! Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust. (Hi 19, 19-27)

Hiob klagt. Er klagt Gott an, beklagt sich über sein schlimmes Schicksal. Nichts als das nackte Leben ist ihm geblieben und selbst da ist er nur noch ein Schatten seiner selbst. Es ist nichts mehr geblieben von dem Mensch, der er einst war. Der Autor dieses Buchs schildert Erfahrungen, die schon viele Menschen gemacht haben. Gerade ging es ihnen noch gut, sie hatten Freude am Leben und dann das. Bei dem einen ist es vielleicht eine schwere Krankheit, bei der anderen der plötzliche Tod eines geliebten Menschen, bei wieder einem anderen das abrupte Ende einer langjährigen Partnerschaft oder die Arbeitslosigkeit. Es gibt vieles, was uns aus der Bahn werfen kann und oft genug passiert es, ohne dass wir etwas dafür können. Daran hat sich seit Hiob nichts geändert und deshalb sind diese alten Gedichte immer noch aktuell, betreffen auch uns. Wie gehen wir mit Leiden um?

Hiobs Schicksal und diese Reden sind da ein Beispiel seit Jahrtausenden. In unserem Abschnitt beklagt er sein Schicksal. Und er macht Gott dafür verantwortlich, weil er es nicht anders erklären kann. Wie denn auch? Wenn uns ein Unglück trifft, gibt es meist keine einsehbare Erklärung. Es kommt über uns und wir müssen mit den schrecklichen Folgen leben. Doch wie Hiob suchen wir nach einer Erklärung, nach einem Schuldigen. Irgendwer muss doch die Verantwortung haben, so heißt es dann. Es geht uns besser, wenn wir einen einsehbaren Grund gefunden haben, so denken wir. Doch ob das immer so ist? Und was ist in den vielen Fällen, wo es keinen erkennbaren Grund gibt, wo es sich um eine Aneinanderreihung von Zufällen handelt? Da war man vielleicht zur falschen Zeit am falschen Ort. - Woher sollte denn der Kollege wissen, dass er sich vor drei Tagen mit dem Virus angesteckt hat? Symptome hat er noch keine. - Oder es müssen weltweite Überkapazitäten abgebaut werden und das trifft diesen Betrieb, obwohl sich hier doch alle so angestrengt haben. Trägt der Einzelne eine Schuld, wenn in der fernen Konzernzentrale so entschieden wird? Die Ursache für ein Unglück ist nicht immer leicht zu finden, manchmal ist es wirklich Zufall. Und dennoch müssen wir damit leben.

Und was oft übersehen wird: Zufälle können genauso glücklich enden: „Wegen einer Verspätung habe ich noch den früheren Zug bekommen. Der, mit dem ich sonst immer fahre, hatte einen schlimmen Unfall. Was für ein Glück!“ - „Hm,“ sagt die Ärztin, als sie die Lunge abhört, „dieses Muttermal sieht ungewöhnlich aus. Gehen sie doch mal möglichst bald zum Hautarzt.“ - „Wenn es nicht diesen Wolkenbruch gegeben hätte, bei dem ich mich im Hauseingang untergestellt habe, hätte ich meinen Mann nie kennengelernt.“ Wer ist denn verantwortlich, wenn die Zufälle gut für uns ausgehen? Muss das nicht auch eine Ursache haben – oder ist es dann einfach nur ein glücklicher Zufall?

Für Hiob ist die Sache klar: Gott ist für sein Los verantwortlich, auch wenn Hiob nicht weiß warum. Denn er war doch immer gut und fromm. Nichts hat er sich zuschulden kommen lassen. Und so sitzt er nun da, völlig verarmt, niedergedrückt von der Trauer, in Lumpen gekleidet, von Geschwüren entstellt und klagt: „Erbarmt euch über mich, meine Freunde, denn Gottes Hand hat mich getroffen!“ Er ruft: „Meine Klagen sollen aufgeschrieben werden, die ganze Welt soll es erfahren. Auch noch in Jahrhunderten und Jahrtausenden soll man nachlesen können, was mir geschah. Alle sollen von meinem Unglück, meinem unschuldigen Leiden wissen!“ Nicht die hilflosen Worte der Freunde sollen überdauern, sondern die Klagen Hiobs. Auch Gott soll sie immer vor Augen haben, damit er weiß, was er da angerichtet hat.

Doch trotz aller Anklagen setzt Hiob seine Hoffnung auf Gott. Gott ist alles zusammen: Schuldiger, Richter und Retter aus der Not. Das klingt widersprüchlich, aber wer sonst sollte Hiob retten können? Hiob macht da keine Umwege, er appelliert gleich an die höchste, die letzte Instanz. Auch wenn Gott an seinem Schicksal schuld sein sollte, so bleibt Gott dennoch das Ziel von Hiobs Hoffnungen. Es wird gut ausgehen, hofft Hiob. „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt und er wird sich auch über dem Staub erheben, wenn alles andere zusammengebrochen ist. Auch wenn alles zerfallen und gestorben ist, werden wir ihn sehen dürfen.“

Das ist, nach all den Klagen und Anklagen, die Pointe dieses Abschnitts. Gott hat es genommen, aber Gott wird es auch wieder geben: Das Leben, das Glück, das Heil. Darauf vertraut Hiob auch inmitten des schlimmsten Unglücks. Er sieht nach vorne, hofft auf ein gutes Ende.

Nun fragen Sie sich vielleicht, was denn dieser poetische Text mitten in der Passionszeit soll. Es geht hier doch um Hiob, eine literarische Figur, und nicht um Jesus, dessen Leiden und Tod das eigentliche Thema der Passionszeit ist. Doch ist Hiob nicht das Musterbeispiel des unschuldig leidenden Menschen? Passen seine Klagen nicht auch zu Jesus? „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ rief Jesus von Kreuz. Und die Worte Hiobs hätten da auch gepasst: „Alle meine Freunde verabscheuen mich und die ich liebte, haben sich gegen mich gewandt!“ Mir fällt da die dreifache Verleugnung durch Petrus ein. Viele der Worte Hiobs und der Worte Jesu aus seinen letzten Stunden wären austauschbar. Aber genauso könnten auch die letzten Zeilen unseres Predigttextes von Jesus stammen: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, er wird sich als der Letzte über dem Staub erheben. Ich werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen. Danach sehnt sich mein Herz.“

Im Leid können wir unsere Klagen vor Gott bringen, so wie es Hiob macht. Dabei sollten wir aber nicht vergessen, worauf wir hoffen. Nämlich auf Gott, der unsere Klagen hört und uns auch im Leid begleitet. Gott ist der Erlöser, selbst in den schlimmsten Momenten. Er ist der Retter. Gott ist das Ziel am Ende des Lebens. Das sagt Hiob, das sagt Jesus und das glauben wir. Und so können auch wir das Leid überstehen und wie Jesus überwinden. Ob Hiob, ob Jesus oder wir: Am Ende geht das Leben gut aus, denn es führt zu Gottes Ewigkeit. Das ist unsere Hoffnung auch inmitten des Leids und darauf können wir vertrauen.

Amen

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde „Sieben Uhr. Der Himmel hat die Augen noch nicht aufgemacht. Was ich vermisse: Die Spannung in einem Konzertsaal, bevor der erste Ton einsetzt. Tatort schauen in großer Runde. Mich in einer Gruppe verlieren und gleichzeitig aufgehoben fühlen. Arglos sein. Abstand als Wahlmöglichkeit, nicht als Pflicht. Den Geruch von Staub und Popcorn im Dunkel eines Kinosaals. Heute Nacht träumte ich sogar, zwei Menschen zu umarmen. Willkommen in der Fastenzeit. Habe ich dafür eigentlich geübt mit dem jährlichen Schokoladenverzicht? Ist das jetzt der Ernstfall? Das Glück schickt Leuchtzeichen: gelbe Bettwäsche, Tulpen die alles geben. Zoom. Siebenmeilenstiefel für all die Spaziergänge zwischen Deich und geschlossenen Cafés. Draußen bleibt es jeden Tag vier Minuten länger hell. Innendrin lasse ich das Licht an.“

Liebe Gemeinde,

mit diesen Worten von Susanne Niemeyer möchte ich meine heutige Predigt eröffnen und Sie alle dazu einladen, sich von diesem Text mitnehmen zu lassen. Ein Text der mir aus der Seele spricht und für mich den Nagel auf den Kopf trifft. Susanne Niemeyer spricht sehr ehrlich das Belastende, ihre eigenen Sehnsüchte in dieser Zeit an und endet doch mit Gedanken der Hoffnung.

Wir befinden uns mit dem vierten Sonntag in der Passionszeit in der Mitte auf dem Weg in Richtung Ostern – sozusagen ist an diesem Wochenende Halbzeit. Kein Wunder also, dass auch in den Texten dieses Sonntages schon deutlich die Hoffnung auf das neue Leben eine große Rolle spielt. Das neue Leben gelangt zu Ostern zur Vollendung.

Für mich sind die Worte von Susanne Niemeyer und die Aussicht auf Hoffnung sehr eng bei unserem heutigen Predigttext, den wir schon in der Schriftlesung hören durften.

Die Ankündigung der Verherrlichung

20Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. 21Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen. 22Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen’s Jesus. 23Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. 24Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

So sind wir mitten drin in den Geschehnissen in Jerusalem. Jesus Christus steht dort auf den Plätzen wo reges und buntes Treiben herrscht. Sehr viele Menschen sind unterwegs und wollen Jesus sehen. Die Stimmung im Volk ist fröhlich und ausgelassen und dann spricht Jesus diese rätselhaften Worte: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein…“

In die Fröhlichkeit dringt plötzlich Bitterkeit. Schmerzen und Leid rücken in den Vordergrund; Jesus drückt seine Einsamkeit schon hier aus und wir alle wissen genau was ihm bevorstehen wird. Er wird verraten und verlassen. Nach größten Erniedrigungen, Schlägen und Peitschen hieben durch die Soldaten von Pontius Pilatus, Schmerzen und in größter Verzweiflung stirbt Jesus Christus am Kreuz.

Das was für uns seit einem Jahr leider zu einer gewissen Normalität geworden ist und unsere Herzen schwer macht, erlebt auch Jesus Christus: die Einsamkeit. Unsere gewohnte Normalität, das Zusammensein mit anderen Menschen, fröhliche Menschenansammlungen wie zum Beispiel auch zu den damaligen Reden von Jesus Christus, geraten immer mehr in unseren Köpfen in Vergessenheit.

Was macht die Einsamkeit mit Dir? Welche Auswirkungen hat dieses Alleine-Sein auf dein Leben?

Jeder von uns hat seine ganz eigene Geschichte mit diesem Thema. Wenn die Einsamkeit durch den Abstand zur Pflicht wird, so wie Susanne Niemeyer schreibt, dann entstehen automatisch enge Grenzen in unserem Sein auf dieser Welt.

Das Alleinsein tut uns Menschen nicht gut. Das was wir alle schon längst wissen, steht schon in der Schöpfungsgeschichte geschrieben: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist.“

Selten haben diese Worte in der Menschheitsgeschichte eine solche Bedeutung gehabt, wie in der gegenwärtigen Zeit. Unser öffentlichen Leben liegt weiterhin im Dornröschenschlaf und wartet so sehr darauf wieder zum Leben erweckt zu werden. Gerade in dieser vorösterlichen Hoffnung, ist mir persönlich sehr nach einem Miteinander, nach echten Begegnungen, nach Wärme und Freude zu Mute. Ich möchte von Herzen gerne endlich wieder auf etwas Besonderes oder ein Ereignis hin fiebern dürfen – mich so richtig auf etwas freuen können.

Dann holt mich die Realität doch schnell wieder ein und all meine Hoffnungen ersticken im Keim, wenn ich die Inzidenzwerte, Schlagzeilen und Nachrichten verfolge. Dann ist von der Hoffnung plötzlich keine Spur mehr und der Corona-Blues hat mich mal wieder voll gepackt. In diesen Momenten fühle ich mich glaube ich so ähnlich, wie Jesus sich gefühlt haben muss – nämlich ganz alleine.

Auf den belebten Straßen Jerusalems spricht Jesus unsere größte Angst offen aus – ganz alleine zu sein. Und doch schwingt da diese Hoffnung mit in seinen Worten:

24Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

In all dieser Traurigkeit und Einsamkeit sind da diese Worte voller Trost. Es noch lange nicht vorbei, wenn wir von dieser Erde gehen.

Jesus Christus, das Weizenkorn, ist die Hilfe die Gott uns schenkt. Das Korn, durch das der Tod seine ängstingende Kraft verliert. Aus diesem Korn erwächst neues Leben. Wir alle sind die Frucht aus diesem Korn, liebe Gemeinde. Wir selber sind der Keim der Hoffnung. Unsere Frucht kann andere sättigen und heilen. Wir können jedem Menschen, der uns begegnet das Gefühl geben nicht alleine zu sein.

Es ist ein Zeichen des Lebens, wenn wir uns gegenseitig anschauen, unsere Herzen füreinander öffnen, von unserem Glauben und unserer Hoffnung erzählen. Es ist ein Zeichen des Lebens, wenn wir uns unter unseren Masken anlächeln und uns in unseren Gedanken umarmen.

So ist die diesjährige Passionszeit Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit für uns alle.

Achten Sie doch darauf, liebe Gemeinde, wie jeden Tag alles etwas grüner wird; wie immer mehr die Blumen das blühen anfangen und ihren Duft verbreiten; dass die Vögel aus dem Süden zu uns nach und nach zurückkehren und unseren Himmel mit Leben füllen; dass die Sonnenstrahlen stärker werden. Genießen Sie den Duft des Frühlings und freuen Sie sich daran, dass unsere Welt von Tag zu Tag wieder bunter wird und die Tage heller.

Schöpfen wir Kraft bei dem, der wirklich Kraft gibt. Verlassen wir uns auf den, der uns niemals im Stich lässt. Lassen wir uns in die große Gemeinschaft der Menschen hinein nehmen, die Jesus Christus folgen und ihm dienen.

So bringt Jesus Christus Frucht für uns: wenn er am Kreuz stirbt und wie ein Weizenkorn in der Erde begraben wird. Und so wie ein Weizenkorn nicht einfach nur da liegt, sondern zu einem neuen Leben erwächst – so bleibt auch Jesus Christus nicht im Tod, sondern durchbricht den Tod zum ewigen Leben.

„Innendrin lasse ich das Licht an.“ Mit dem letzten Satz aus dem Text von Susanne Niemeyer, schließe ich auch meine Predigt.

Lassen Sie das Licht in Ihren Herzen an, liebe Gemeinde. Diese Gabe wünsche ich uns allen sehr – um Kräfte zu sammeln, um hoffnungsvoll nach vorne zu sehen; dass eigene Herz leuchten zu lassen für andere, aber auch für sich selber; sich auf Ostern einzustimmen und das Licht der Hoffnung und der Liebe in die Welt zu tragen.

„ Innendrin lasse ich das Licht an.“ – für Dich, für mich und für uns alle.

Amen.

Liebe Gemeinde,

wer die Hand an den Pflug legt und zurück sieht, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Das ist der Wochenspruch zum Sonntag Okuli, dem dritten Sonntag der Passionszeit. Nach vorne sollen wir schauen, dort ist das Ziel, das Gottesreich. Keine mehr oder weniger sentimentalen Blicke zurück in die Vergangenheit. Das klingt zunächst etwas unverständlich, vielleicht sogar ärgerlich. Warum soll ich mich denn nicht an schöne Erlebnisse erinnern dürfen? Doch, das darf man und das brauchen wir auch immer wieder. Das ist hier auch nicht gemeint, denn hier geht es um anderes. Angesprochen sind Menschen, die erst vor kurzer Zeit, vielleicht vor ein paar Jahren, ihren Weg zu Christus und seiner Kirche gefunden haben. Für die geht um ein neues Leben, ohne sich wehmütig oder schaudernd an das alte zu erinnern. Auch nicht wie manche Bekehrungsgeschichte, wo jemand Dank des neu entdeckten Glaubens aus den Abgründen seines Lebens gerettet wurde. Die Vergangenheit interessiert nicht, noch nicht einmal als abschreckendes Beispiel. Es geht um die Gegenwart und die Zukunft als Christine oder Christ, es geht um einen Neuanfang. Neu anfangen, neue Wege gehen ist auch das Grundthema der zweiten Hälfte des Epheserbriefs. Da findet man mehrere Kapitel mit recht ausführlichen Verhaltensregeln für die noch jungen christlichen Gemeinden in einer heidnischen Umwelt. Eine Art inhaltlicher Zusammenfassung sind die folgenden Verse: TEXT

„Werdet gütig gegeneinander, barmherzig, indem ihr einander gnädig seid, wie auch Gott in Christus euch Gnade erwiesen hat. Werdet Nachahmer Gottes als geliebte Kinder und wandelt in der Liebe, wie auch Christus euch geliebt hat und sich für uns dahingegeben hat als Gabe und Opfer für Gott zu lieblichem Geruch.“ (Eph 4,32- 5,2)

Danach folgen ein paar konkretere Ausführungen über Hurerei, Unreinheit, Götzendienst und Habgier. Das sind Verfehlungen, die es so in der christlichen Gemeinde nicht geben soll. Ich lasse das aus, denn diese Mahnungen sind doch sehr zeitgebunden. Schließlich endet der Abschnitt in einem nochmaligen Appell: „Ihr wart früher Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts – die Frucht des Lichts ist lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.“ (Eph 5,8-9)

Dem Epheserbrief geht es um das richtige Leben in der Gemeinde. Das war wohl auch nötig, denn die damaligen Gemeinden waren noch jung.Viel länger als vielleicht zehn oder bestenfalls fünfzehn Jahre wird es diese Gemeinde wohl noch nicht gegeben haben. So etwas Traditionen und überlieferte christliche Lebensweisen sind da noch nicht vorhanden. Und – was wir hier und heute gar nicht mehr kennen – die Gemeinde wächst. Immer wieder kommen Menschen dazu, die sich von dem Lebenswandel und der Botschaft der Christen angezogen fühlen. Die Abkehr von früheren Verhaltensweisen wird nicht nur gepredigt, sondern auch gelebt. Wer seine Hand an den Pflug legt und zurückschaut, der geht den Neuanfang falsch an. Das ist ja noch mehr als der Neuanfang mit Christus als Vorbild. Es ist auch ein neues Leben in der Gemeinschaft. Wenigstens innerhalb der Gemeinde tritt man für einander ein, teilt nicht nur die Mahlzeiten, sondern noch viel mehr die Sorgen und die Freude. Es gibt ein gegenseitiges Interesse am Wohlergehen der Mitchristinnen und Mitchristen. Man fragt nach, kümmert sich, weist auch mal den anderen zurecht und bestimmt betet man auch für einander.

Wir wissen nicht, inwieweit das hier beschriebene Gemeindebild der Wirklichkeit in Ephesus entsprach. Vielleicht ist es eher der Wunsch des Autors, der hier seine Traumgemeinde beschreibt. Dann hören wir hier von hohen Ansprüche, die in der wirklichen Gemeinde nur selten erreicht wurden. Man könnte es auch als ein ambitioniertes Ziel bezeichnen. Doch das können wir heutigen Leserinnen und Leser nicht beurteilen, wir waren ja nicht dabei.

Aber selbst wenn es so wäre, sollten auch wir diese - zugegebenermaßen hohen - Ansprüche als Ziele verstehen. Ziele, die nicht nur für die Gemeinde in Ephesus vor über 1900 Jahren galten, sondern genauso auch für uns heute, in Drabenderhöhe und anderswo: Verhaltet euch nicht so wie die Nichtgläubigen, die Heiden. Versucht Christus nachzuahmen und wandelt somit in der Liebe. Lebt vor Gott so, als wäre euer Leben wie der liebliche Geruch eines Opfers, das Gott gut gefällt. Lebt als Kinder des Lichts und bringt die entsprechenden Früchte. Nämlich Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.

Es geht hier nicht um einzelne, konkrete Verhaltensweisen. Da gibt es heutzutage bestimmt andere Ärgernisse und falsche Wege als damals in Ephesus. Obwohl die Habgier immer noch ein Grundübel der Menschen zu sein scheint. Aber es ist eben kein Katalog der schlechten Taten, den wir so nach und nach abarbeiten könnten. Das sind wohl eher Beispiele für diejenigen, denen es an Einsicht oder Übersicht fehlt. Viel mehr aber geht es um die grundsätzliche Haltung, die dahinter steht: Wofür lebe ich, was ist mein Ziel, was ist der Sinn meines Lebens? Und wie sehr achte ich dabei auf andere, nehme Rücksicht auf die Schwachen und helfe ihnen, wo ich es kann? Ihr seid nicht mehr Teil der Finsternis, sondern Licht im Herrn heißt es hier. Das soll man auch merken. Christsein ist nichts Theoretisches, sondern es ist Leben in der Praxis. Oder um es mit den Worten des Epheserbriefs zu sagen: Also wandelt als Kinder des Lichts durchs Leben und bringt die entsprechenden Früchte.

Eigentlich ist das ganz einfach, so möchte man meinen. Vor allem weil wir das nicht alleine bewältigen müssen, sondern zusammen in der Gemeinde, der christlichen Gemeinschaft leben. Die Gemeinde kann uns stützen, wenn es schwer ist, sie kann mit uns zusammen überlegen, wie es weitergeht, die Gemeinde kann Ratschläge geben und sie kümmert sich um die, welche in Not sind – ob die Not körperlich, finanziell oder seelisch ist. Die christliche Gemeinde ist für den Autor des Briefs mehr als nur die Versammlung zum Gottesdienst, sie ist eher eine Lebensgemeinschaft, eine große Familie. Und das verbindende Band ist nicht die Blutsverwandtschaft, sondern der Glaube an Gott und Jesus Christus.

Wie bereits gesagt: Ich weiß nicht, ob es damals in Ephesus wirklich so war oder ob der Brief nur ein Idealbild entwirft. Doch warum soll man dieses Ideal nicht anstreben? Es täte auch uns gut, wenn wir so leben, dass man uns, unserem Reden und Handeln, ansieht was wir sind und woran wir glauben. Auch wir versuchen Christus nachzufolgen, auch wir sind Gemeinde Jesu Christi, auch wir sind Kinder des Lichts. Und das sollte man uns auch anmerken, selbst wenn wir die hochgesteckten Ziele nicht alle erreichen können. Den Versuch jedenfalls sollten wir wagen, uns nicht beim ersten Misslingen entmutigen lassen. Und das nicht nur einmal, sondern immer wieder. Und wir ahnen es: Selbst kleinere Schritte auf dem Weg Jesu können einiges bewirken.

Im Gegensatz zum Epheserbrief will ich Sie jetzt aber nicht mit langen Listen quälen, in denen all das vorkommt, was wir tun und nicht tun sollen. Das wissen Sie doch alles selbst, wenn Sie mit offenen Augen und Ohren durchs Leben gehen, auch wenn an manchen Punkten die Meinungen sicher auseinandergehen. Manchmal ist das Ziel auch klar, nur der Weg dorthin ist strittig. Aber darüber kann und soll man in der Gemeinde reden. Wobei das Gegenüber dann nicht als der ideologische Gegner angesehen werden sollte, sondern als die Schwester oder der Bruder, die oder der ebenfalls als Kind des Lichts leben will. Und über den Weg dahin sollte man sich immer wieder austauschen. Es kann ja sein, dass man selbst falsch liegt.

Vielleicht setzen wir häufig die falschen Schwerpunkte im Leben. Wir alle streben wahrscheinlich Glück, Zufriedenheit und Liebe an. Doch was unser Glück und unsere Zufriedenheit wesentlich ausmacht, hat gar nichts mit Besitz und Leistung zu tun, so sehr uns das auch immer wieder gesagt wird. Da geht es um Lieben und geliebt werden, um Lob, Anerkennung und darum, dass wir einen Sinn in unserem Handeln, ja in unserem ganzen Leben sehen. Das aber können wir uns mit Macht und Geld nicht verschaffen. Erkaufte Liebe oder Anerkennung ist nicht echt und das wissen wir auch. Liebe beruht auf Gegenseitigkeit. Was einer hat oder ist, ist dabei nicht wichtig.

Auch Gott liebt uns nicht für das, was wir sind und haben, sondern für das was wir machen und sagen. Und so sollten wir es in der Nachfolge Jesu auch tun – dann leben wir als Kinder des Lichts. Und was gibt es Schöneres als schon hier in unserem Leben etwas von dem göttlichen Licht mitzubekommen und es weiterzugeben? Das ist der Neuanfang, von dem der Wochenspruch und der Epheserbrief sprechen. Nicht zurück schauen, sondern nach vorne blicken. Nicht das Schlechte hinter uns sehen, sondern das Gute neben uns tun und das Strahlende vor uns anpeilen. So leben wir als Kinder des Lichts und lassen dieses Licht leuchten vor den Menschen. Amen.

Liebe Gemeinde,

ich möchte ihnen kurz zusammengefasst eine Liebesgeschichte erzählen. Da war ein Paar, die waren sich anfänglich sehr sympathisch. Der Mann überschüttete seine Liebste mit Geschenken, er kümmerte sich um sie und versuchte, ihr das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Sie hingegen tat nichts dazu, sie lebte von dem, was er verdiente und besaß. Und nach einiger Zeit zeigte sie ihm die kalte Schulter – auch welchen Gründen auch immer. Schließlich resignierte er und wurde wütend. Er warf sie aus dem Haus und sie bekam keinen Cent mehr von ihm. Alle seine Geschenke holte er sich zurück und am Ende lebte sie bettelnd auf der Straße.

Eine tragische Geschichte, aber zum Glück ist es eine erfundene Geschichte. Eine ähnliche Geschichte erzählt der Prophet Jesaja, wo sie im 5. Kapitel aufgeschrieben ist. Dort ist es aber kein Liebespaar, sondern der Held dieser Erzählung hängt an seinem Weinberg.

„Ein Lied von meinem Freund will ich euch singen. Es ist das Lied von meinem Freund und seinem Weinberg: Mein Freund hatte einen Weinberg auf einem fruchtbaren Hügel. Er grub ihn um, entfernte die Steine und bepflanzte ihn mit den besten Weinstöcken. Mittendrin baute er einen Wachturm. Auch eine Kelter zum Pressen der Trauben hob er aus. Dann wartete er auf eine gute Traubenernte, aber der Weinberg brachte nur schlechte Beeren hervor. Jetzt urteilt selbst, ihr Einwohner von Jerusalem und ihr Leute von Juda! Wer ist im Recht – ich oder mein Weinberg? Habe ich irgendetwas vergessen? Was hätte ich für meinen Weinberg noch tun sollen? Ich konnte doch erwarten, dass er gute Trauben trägt. Warum hat er nur schlechte Beeren hervorgebracht? Ich will euch sagen, was ich mit meinem Weinberg tun werde: Die Hecke um ihn herum werde ich entfernen und seine Schutzmauer niederreißen .Dann werden die Tiere ihn kahl fressen und zertrampeln. Ich werde ihn völlig verwildern lassen: Die Reben werden nicht mehr beschnitten und der Boden nicht mehr gehackt. Dornen und Disteln werden ihn überwuchern. Den Wolken werde ich verbieten, ihn mit Regen zu bewässern.“ (Jes 5, 1-6)

Im Prinzip geht es um das Gleiche, nämlich um eine enttäuschte Hoffnung oder eine enttäuschte Liebe. Nur können wir heutzutage vielleicht wenig damit anfangen, wenn jemand seine Hoffnung oder seine ganze Kraft in ein Stück Ackerland steckt. Der Weinbau ist ein nettes Hobby, vielleicht auch ein schöner Beruf, aber so sehr muss man sich doch nicht aufregen, wenn es nicht nach den eigenen Wünschen läuft. Da ist uns die enttäuschte Liebe doch näher.

Was aber soll das? Wie sie sich vermutlich schon denken, erzählt der Prophet Jesaja diese Geschichte als Gleichnis. Gleichnisse kennen wir von Jesus. Er erzählte auch immer wieder Geschichten mit Beispielen aus alltäglichen Situationen, um den Menschen so etwas von Gott zu erklären.

Was, so fragt Jesaja seine Zuhörer, soll man denn mit so einem Weinberg machen? Es liegt ja nicht an der Mühe des Winzers. Der hat das Land gut ausgewählt und vorbereitet. Er sorgt für guten Boden, er pflanzt beste Rebstöcke, er baut einen Wachturm und eine Kelter und wartet auf den Ertrag. Doch der Weinberg will nicht. Nicht wegen äußerer Umstände, sondern der verweigert sich der Frucht, warum auch immer. Ein störrischer Weinberg, wenn es so etwas gibt. Irgendwann wird der Winzer wütend: Wenn du nicht willst, dann will ich auch nicht! Und dann kümmert sich nicht mehr um seinen Weinberg. Die Tiere können ihn kahl fressen, die Dornen und Disteln sollen ihn zuwuchern, am Ende soll er doch vertrocknen. Der Winzer jedenfalls will mit diesem Weinberg, in den er so viel Liebe und Mühe gesteckt hat, nichts mehr zu tun haben. Wahrscheinlich haben die Zuhörer dem Propheten zugestimmt. So würden sie das auch machen. Warum noch mehr Mühe hineinstecken, es bringt ja doch nichts.

Aber weshalb erzählt Jesaja dieses Gleichnis? Die Auflösung kommt im nächsten Satz:

„Wer ist dieser Weinberg? Der Weinberg des Herrn Zebaot, das sind die Bewohner von Israel. Die Leute von Juda, sie sind sein Lieblingsgarten. Der Herr wartete auf Rechtsspruch, doch seht her, da war Rechtsbruch. Er wartete auf Gerechtigkeit, doch hört nur, wie der Rechtlose schreit.“ (Jes 5, 7)

Gott ist also der Winzer und das Volk sind die schlechten Reben. Gott hat sich so viel Mühe gegeben, so viel Liebe hineingesteckt, aber das Volk hat sich anders entschieden, schlug einen anderen Weg ein. Er wartete auf Gerechtigkeit, aber es kam das Unrecht. Das sind drastische Worte, doch Propheten müssen drastisch sein, sonst hört niemand hin. Jesaja kündigt eine Katastrophe für Stadt und Land an und das muss mit aufrüttelnden, dramatischen Worten geschehen. Alles andere wirkt nicht. In den folgenden Versen, die nicht mehr Teil unseres Abschnitts sind, wird er noch etwas konkreter, sagt deutlich was falsch läuft. Von Rechtsbeugung und Verleumdung wird da erzählt, von Ungerechtigkeit und mangelnder Rücksichtnahme. Die Reichen werden reicher und die Armen bleiben arm. Womöglich wird ihnen auch noch der letzte Besitz genommen. Und keiner ist da, der sie schützt, der ihnen hilft, denn die Richter sind korrupt.

Soweit diese Ankündigung der kommenden Katastrophe, verpackt in die Geschichte einer nicht erwiderten Liebe, von vergeblicher Mühe. Doch ist dies nur eine alte Geschichte, die wir uns mit dem zeitlichen Abstand von 2600 Jahren gemütlich anhören können? Ich denke nicht, denn die Anklagepunkte des Propheten sind aktuell wie eh und je. Das liegt vor allem daran, dass sich die wesentlichen Charakterzüge des Menschen in den letzten Jahrtausenden nicht geändert haben. Deshalb ist die Bibel immer noch ein aktuelles Buch, auch wenn Ackerbau, Verkehr und Kommunikation heute anders verlaufen, auch wenn zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse hinzukamen. Denn es geht in der Bibel um den Menschen und Gott und beides ist gleich geblieben.

Schauen wir uns also die Anklagepunkte des Propheten einmal kurz an: Verleumdungen – heute heißen sie oft fake news – kennen wir zur Genüge. Die nehmen in den letzten Jahren sogar zu und verbreiten sich rasend schnell. Gerüchte und Falschinformationen führen fast zum Bürgerkrieg, wie wir vor einigen Wochen erstaunt in den USA sehen konnten.

Das Recht wird gebeugt? Ein Blick nach Polen und Ungarn, nach Russland oder China genügt, um auch hier die Aktualität zu verdeutlichen.

Was ist mit der Ungerechtigkeit? Gerade in Coronazeiten gibt es viel, was einen da ins Grübeln bringt. Warum bekommt beispielsweise die Lufthansa mit 140.000 Mitarbeitern viel viel mehr staatliche Hilfe als die ganze Kulturbranche, in der etwa zehn Mal so viel Menschen arbeiten? Sind Stewardessen und Piloten denn so viel wichtiger für unser Land als Sänger, Schauspielerinnen, Kameraleute und Regisseurinnen? Ist es richtig, wenn die reichen Industrieländer sich etwa drei Viertel der Corona-Impfstoffe für die nächsten zwei Jahre gesichert haben und die armen Länder Afrikas und Asiens mit Glück irgendwann Anfang nächsten Jahres die ersten Einwohner impfen können? Ja, bei uns sind erst knapp 6 Prozent der Bevölkerung geimpft und bestenfalls sind es jede Woche anderthalb bis zwei Prozent mehr. Wir alle – außer ein paar Impfgegnern - hätten das gerne schneller. Doch wenn wir unseren Blick weiten sehen wir, dass es mehr als 100 Länder auf der Welt gibt, wo noch niemand geimpft ist. Denen gegenüber stehen wir ziemlich gut da. Oder findet es Wohlgefallen vor Gottes Augen, wenn einige Milliardäre im Coronajahr 2020 ihren Besitz deutlich vermehren konnten, während viele kleine Geschäftsleute um ihre Existenz bangen?

Der letzte Begriff ist die mangelnde Rücksichtnahme: Seit ein paar Tagen startet das Gerangel um den Impfstoff zwischen den Berufsgruppen. Die Pflegekräfte sollten zuerst kommen, dem stimmten alle zu. Aber wer kommt dann. Zuerst die Polizei oder doch lieber die Erzieherinnen und Lehrerinnen? Oder was ist mit den Busfahrern, mit den Menschen, die kranke oder behinderte Angehörige zu Hause betreuen, was ist mit denen, die bei Lidl, Netto, Aldi oder Rewe an der Kasse sitzen und inmitten der Kundschaft Regale einräumen? Wer ist wichtiger, wer soll zuerst geimpft werden? Und wie geht man mit denen um, die sich vordrängeln, weil dem Chef keiner sagen mag, dass er noch lange nicht an der Reihe ist und sich wie alle anderen hinten anstellen soll?

Manch schlechte Charaktereigenschaft zeigt sich vor allem in der Krise, das war nicht anders zu erwarten. Aber genauso auch die guten. Denn trotz aller Kranken und Gestorbenen, trotz der wirtschaftlichen Probleme und der psychischen Krisen ist die Katastrophe durch Corona eine, die wir begrenzen können. Das erfordert aber Geduld und den Willen, mitzumachen. Sehen wir doch einmal das Positive: Noch nie wurden beim erstmaligen Auftreten einer Krankheit so schnell Therapien und Medikamente entwickelt. Noch nie wurden funktionierende Impfstoffe in so kurzer Zeit in großen Mengen hergestellt. Nur selten gab es eine so große Welle der Solidarität. Und ich bin guter Hoffnung, dass sich unser Leben nach dem Ende der ganzen Beschränkungen in hoffentlich vier bis sechs Monaten sehr schnell wieder normalisieren wird. Manches haben wir sogar dazugelernt. Mehr auf die eigene Hygiene zu achten beispielsweise. Deshalb sind viele Krankheiten in diesem Coronajahr deutlich zurückgegangen, Masern genauso wie Grippe. Oder die Digitalisierung: Man muss nicht für eine kurze Besprechung von zwei Stunden Dauer einen halben Tag an- und abreisen. Das geht auch am Computer. Sogar Gottesdienste kann man auch übers Internet ansehen, selbst wenn da das gewohnte Gefühl der Gemeinschaft in der Gemeinde fehlt und auch das Schwätzchen danach. Auch der Drang nach immer exotischeren Urlaubszielen ist gebremst. Auf einmal entdecken viele, wie schön es doch kurz hinter dem eigenen Ort ist. Wie viele hier bei uns in Drabenderhöhe und Umgebung erfreut feststellen ist auch der Fluglärm deutlich weniger geworden. Und laut den Messstationen hat sich die Luftqualität gebessert, weil weniger Menschen mit Auto und Flugzeug unterwegs sind.

Das alles ist für die Ladenbesitzerin oder den Hotelier sicher nur ein schwacher Trost, das ist klar. Aber es ist eben nicht die ganz große Katastrophe, sollte uns aber Anlass sein, unseren Lebensstil in Teilen zu überdenken. Das betrifft auch die Punkte, die schon der Prophet Jesaja ansprach: Rechtsbeugung, Verleumdung, Ungerechtigkeit und mangelnde Rücksichtnahme. Auch unser sonstiges Leben können wir überdenken. Was ist denn mit den alten Nachbarn im Haus nebenan: Nehmen wir die wahr? Ist es richtig, wenn Pflegekräfte in Heimen und Krankenhäusern nur dürftig bezahlt werden? Müssen wir wirklich alles mitmachen, nur weil es gerade Mode ist? Können wir uns nicht auch an den kleinen Dingen freuen, zum Beispiel dem Lachen spielender Kinder, dem Schmetterling auf der Blüte oder dem netten Schwätzchen in der Warteschlange? Wir alle erleben momentan bestimmt nicht die beste Zeit unseres Lebens. Dazu ist zu vieles eingeschränkt, dazu ist die Sorge vor der Krankheit zu groß. Aber auch in diesen Zeiten gibt es kleine Hoffnungsschimmer.

Und was ist mit Jesaja und seiner Geschichte vom Weinberg: Der Geschichte einer enttäuschten Liebe, die in der Katastrophe endet? So weit ist es für uns – Gott sei Dank – nicht. Gottes Liebe zu uns bleibt bestehen, vielleicht auch weil wir uns doch immer wieder auf Gottes Wort besinnen. Es liegt auch an uns, wie es weitergeht. So wie bei Jesajas Erzählung, wo die Schuld für das schlimme Ende eindeutig bei den Menschen liegt.

Oft fragen wir bei schlimmen Ereignissen wie Gott das zulassen kann. Doch das ist in diesem Fall verkehrt. Die Menschen wollten einfach nicht auf Gottes Wort hören, verschmähten seine Liebe, interessierten sich mehr für Macht und Geld. Und das, wo sie öfters gewarnt wurden, dass sie auf dem falschen Weg sind. Auch da gibt es Ähnlichkeiten zu uns heute. Auch wir müssen manchmal drastisch gewarnt werden, wenn wir auf Kosten anderer und der nachfolgenden Generationen leben.Auch heute ist es wichtig, Rücksicht zu nehmen und auf die Schwachen zu achten. Doch es endet dank Gottes Liebe gut, da bin ich mir sicher. Vorausgesetzt wir nehmen uns die Warnungen zu Herzen. Das haben die Zuhörer des Propheten eben nicht getan und deshalb stand das Ende Jerusalems und des Königreichs vor der Tür. Hören und sehen wir also gut hin, damit wir reichlich Frucht tragen zur Freude Gottes!

Amen

Liebe Gemeinde, nun hat die Passionszeit begonnen. Doch in dem für diesen ersten Sonntag der Passionszeit vorgeschlagenen Predigttext geht es nicht um ein paar gedankenschwere Worte über Leid oder Buße, sozusagen als langsamer Einstieg. Nein, wir werden mitten ins Geschehen gestoßen und sind schon nahe vor der Kreuzigung Jesu.

Der Abschnitt steht im 13. Kapitel des Johannesevangeliums: „Jesus wurde erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist’s? Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.“

Mir kommt diese Auswahl des Textabschnitts vor wie ein dramaturgischer Kniff bei manchen Filmen. Da beginnt es mit einer aufrüttelnden, aber für den Zuschauer unverständlichen Szene. Und dann startet der Erzählstrang als Erklärung was davor geschah. Oft wird dann noch ein Schriftzug eingeblendet, zum Beispiel „eine Woche vorher“.

So ähnlich ist es auch hier: Die Passionszeit beginnt dieses Jahr mit einer Episode, die vom zeitlichen Ablauf kurz vor die Kreuzigung gehört. Zunächst einmal ist alles ganz behaglich und unauffällig. Kurz zuvor fand die Fußwaschung der Jünger durch Jesus statt, nun sitzen sie beim Abendmahl. Niemand von ihnen denkt sich etwas böses. Und dann kommt Jesus mit seiner überraschenden Androhung: „Einer von euch wird mich verraten!“ Erstaunlich ist die Reaktion der Jünger: Kein lautes „Spinnst du denn?“ oder auch „Aber nie im Leben! Wir stehen felsenfest zu dir!“ Eher die unausgesprochene Frage, ob Jesus nicht vielleicht einen selbst meint. Auch Petrus war sich da anscheinend nicht so ganz sicher. Vielen von Ihnen fällt sicher die Erzählung ein, wo Petrus dreimal den verhafteten Jesus verleugnet, bevor der Hahn kräht. Wirklich standhaft war Petrus wohl nicht in diesen Stunden. Also bringt Petrus mit einer Geste den Lieblingsjünger dazu, einmal nachzufragen. Denn der, so denkt es sich wohl Petrus, steht am wenigsten in der Gefahr des Verrats. Obwohl enttäuschte Liebe oft ein Grund für schlimme Taten ist. Jesus nennt keinen Namen, sondern macht es symbolisch: Es ist der, dem ich das Essen anreiche. Und in dem Moment als Judas den Bissen entgegennimmt, wird klar wer der Verräter ist. Judas, das sprichwörtliche Musterbeispiel eines Verräters. Wer auch sonst?

Doch es ist ganz anders als wir uns das wahrscheinlich vorstellen. Jedenfalls erzählt es so der Evangelist Johannes. In genau diesem Moment, so schreibt Johannes, durchfährt es Judas. Der Teufel ist in ihn gefahren und macht ihn zum Verräter. Das muss man sich mal vorstellen, liebe Gemeinde! Jesus reicht dem Jünger Judas das Essen und bringt ihn damit zum Verrat. Eine seltsame Handlung ist das. Denn normalerweise – und das war damals nicht anders als heute – hat das gemeinsame Essen doch eher etwas mit Freundschaft zu tun als mit Hass, Wut oder Untreue. Jesus will die Freundschaft zu Judas auch nicht aufkündigen. Er wirft ihn nicht hinaus, er beschimpft ihn nicht, er klagt ihn nicht an.

Das erscheint uns rätselhaft, doch im Johannesevangelium wird Jesus so beschrieben. Er weiß genau, was mit ihm geschehen wird, aber er lässt es geschehen. Denn das alles gehört zum größeren Heilsplan Gottes und für den muss Jesus leiden. Und dafür muss er verraten werden. Es geht nicht anders. Ob es Judas oder einer der anderen Jünger sein wird ist nebensächlich. Auch Judas ist nur Werkzeug Gottes, um den Plan zu erfüllen. Nach dieser Erzählung hätte es auch jeder andere der Jünger sein können und Judas ist nur ein zufällig ausgewählter Verräter. Kann es sein, dass Judas erst beim Essen die Idee bekam? Wurde er womöglich nur deshalb zum Verräter, weil er gerade so hungrig aussah oder weil rein zufällig er auf eine Armlänge von Jesus entfernt lag? Wie gesagt: Das alles gehört zu Gottes Plan, so erzählt es der Evangelist. So gesehen ist Judas ein Werkzeug Gottes, nicht des Teufels. Und er ist es unfreiwillig, überraschend, nicht aus freier Entscheidung heraus. Es hätte jeden der Jünger treffen können. Darauf weist auch die Reaktion der Jünger hin, die sich nach Jesu Ankündigung ein wenig ertappt fühlen. Haben sie eventuell selbst schon über den Verrat nachgedacht? Sind sie vielleicht alle ein wenig enttäuscht von Jesus?

An Jesus aus Nazareth stellten viele Menschen große Erwartungen. Er sollte der heldenhafte Anführer sein, der mit Gottes Hilfe endlich die verhassten Römer aus dem Land wirft und das schon lange untergegangene Königreich Israel zu neuer Blüte erweckt. Doch Jesus enttäuschte diese Leute. Von Aufstand und Kampf war bei ihm nicht die Rede. Er nahm die römische Herrschaft hin, denn es ging ihm um etwas ganz anderes. Jesus geht es um den Glauben, den Weg zu Gott, auch um das kommende Reich Gottes. Aber das ist nun mal ein ganz anderes Reich als die Reiche dieser Welt mit ihren Königen und Palästen, den Soldaten und den Kriegen. Ein Reich, das nicht nach den Regeln unserer Welt verläuft. Jesus verkündete Frieden, nicht Aufstand.

Da wundert es nicht, wenn die Menschen enttäuscht von ihm sind. So sehr, dass diejenigen, die ihm bei seinem Einzug zujubelten, schon wenige Tage später seinen Tod fordern. Er ist doch nicht der Revolutionär, der große Anführer des Befreiungskampfes, den sie wollten. Er hetzt nicht gegen die römischen Besatzer, sondern hält den Menschen auch mal den kritischen Spiegel vor. Er stellt die Lebensweise der Einheimischen in Frage. Ihren Reichtum, ihre Traditionen, auch ihre Vorurteile werden von ihm kritisiert. Selbst einige Irrwege ihres Glaubens erwähnt er in seinen Reden. Nur zur aktuellen politischen Lage kommt kein Wort, geschweige denn die ersehnten Taten.

Und warum wurde Judas der Verräter? Wir wissen es nicht. Vielleicht war es wirklich Zufall. Oder er war wütend, weil Jesus den Lieblingsjünger hatte, von dem hier erzählt wird. Dann wäre es ein Verrat aus enttäuschter Liebe, aus Eifersucht. Oder eben weil Jesus nicht zum Anführer des Volkes werden will, jedenfalls nicht so wie viele das erhofften. Dann wäre er enttäuscht von der Friedfertigkeit des Meisters. Es könnte sogar sein, dass er damit nicht der einzige der Jünger ist, denn über deren Gründe Jesus nachzufolgen, wissen wir nur sehr wenig. Aber enttäuscht oder eifersüchtig könnten sie fast alle sein. Das merken wir auch an der Reaktion der Jünger auf Jesu Ankündigung. Ein wenig fühlen sie sich alle ertappt. Doch nur einen trifft es. Ausgewählt von wem? Von Jesus? Vom Teufel? Vom eigenen Willen? Das bleibt offen. Doch wie auch immer: Es kommt zum Verrat. Jesus scheint das gar nicht so zu erschüttern, er hofft nur, dass es schnell geht. Also kein wochenlanges banges Warten auf das Ende, sondern das ganze Geschehen von diesem Moment bis zum Tod am Kreuz spielt sich innerhalb von noch nicht einmal 24 Stunden ab.

Wir hören heute vom Verrat des Judas sozusagen als Eingangstor zur Passionszeit. Das soll also die Richtung für die nächsten Wochen vorgeben. Verrat – das hört sich schlimm an, aber es geschieht immer wieder. Erinnern wir uns an die Menschen, die in der DDR oder auch in Rumänien unter den Spitzeln des Geheimdienstes litten. Menschen, denen man vertraute, entpuppten sich plötzlich als Verräter. Doch genauso hätte es in manchen Fällen auch andersherum sein können. Dann wird man selbst zum Spitzel, zum Verräter. Am Anfang vielleicht aus Naivität oder weil man denkt, es sei richtig. Später dann kommt man nicht mehr raus aus der Rolle. Wussten Sie, dass die einst so gefürchtete Gestapo eine ziemlich kleine Organisation war? Kein solcher Riesenapparat wie die Stasi der DDR, sondern gerade mal mit einem Zehntel des Personals. Die lebten davon, dass die Menschen einander verrieten. Die Nachbarn, die Freunde und Kollegen, manchmal auch die eigenen Verwandten. Die meisten taten dies nicht, weil sie den anderen bewusst schaden wollten, sondern weil sie glaubten, damit auf der Seite der Guten zu stehen, das Land vor Gefahren zu bewahren. Erst später wurde vielen klar, was sie da getan hatten. So wie Judas, der sich kurz nach seinem Verrat erhängt. Und manche glaubten noch lange Zeit, richtig gehandelt zu haben. Wer will denn schon für das grausame Schicksal anderer verantwortlich sein? Die Erkenntnis der eigenen schweren Schuld ist unsagbar schwer. Und damit leben ist wohl noch viel schwerer. Vielleicht hat Judas deshalb sein Ende gewählt.

Doch so weit sind wir mit unserem Textabschnitt nicht, das folgt erst später. Heute geht es um den Verrat und den Verräter. Ausgerechnet Judas ist es. Nicht irgendein dahergelaufener Krimineller oder ein Agent des Geheimdienstes, sondern einer der Jünger. Er hatte wohl die Position des Kassenwarts der Jünger inne, so erzählt es Johannes. Also jemand, dem man besonderes Vertrauen schenkt, so möchte man meinen. Einer, wo noch wenige Minuten vorher alle anderen Jünger gesagt hätten: „Für den leg ich meine Hand ins Feuer!“ Und nun das – er ist der Verräter. Überraschend für alle und vermutlich auch für Judas.

Gibt es Hoffnung für ihn? Zumindest gibt es ein Hoffnungszeichen. Denn das Mahl, welches die Jünger miteinander feierten, war nicht irgendein Mahl. Es war das Mahl, an welches wir uns erinnern mit den Worten „In der Nacht, da er verraten wurde und ein letztes Mal mit seinen Jüngern beisammen saß.“ Sie kennen das und Sie wissen auch wie es in den Worten zur Einsetzung gesagt wird, dass es zur Vergebung der Sünden, der Schuld geschieht. Und auch um Anteil an Jesu Leben, Leiden, Tod und Auferstehung zu haben: „Dies ist mein Leib“ sagt Jesus beim Brechen des Brotes.

Und nun? Judas bekommt von Jesus das Brot gereicht. Doch ist es zur Vergebung der Schuld, ist es zur Stärkung durch die Gegenwart Jesu Christi oder um zum Verräter zu werden? Das eine wohl genauso wie das andere. Jesus beschimpft Judas nicht. Auch die anderen Jünger sind still. Niemand sagt etwas. Keine bösen Bemerkungen, sogar der sonst so impulsive Petrus bleibt ruhig sitzen. Keine Verachtung, auch keine Appelle, es sich noch mal anders zu überlegen. Judas, so wird es hier geschildert, ist Gottes Werkzeug und es hätte jeden der Jünger treffen können. Still verlässt Judas den Raum und es war Nacht.

Die Nacht in der Jesus verraten und verhaftet wurde, die Nacht der Enttäuschungen und der Ausflüchte. Die Nacht des Schreckens. Doch diese schlimmen Begebenheiten sind nur das grausame Vorspiel zu Gottes Herrlichkeit. Deshalb musste Judas es tun. Ohne seinen Verrat wäre es nicht zur Hinrichtung am Kreuz gekommen, ohne die Kreuzigung hätte es keine Auferstehung gegeben – nicht für Jesus und nicht für uns und all die, die wir zu Grabe tragen. Ohne Judas hätte der Tod das letzte Wort behalten, ohne Judas hätten wir keine Hoffnung. Das klingt makaber, aber auf diesen krummen Wegen führt der Weg Gottes. Ja, es war Verrat, das ist wohl wahr. Doch es hätte jeden treffen können. Jeden der Jünger und wohl auch jeden von uns, wenn wir dabei gewesen wären. Aber auch dann wären wir Werkzeug Gottes gewesen, ohne dass wir Gottes Plan verstanden hätten. Manchmal sind Gottes Wege ganz anders, als wir uns das denken. Manchmal erscheint Gottes Tun grausam und unverständlich. Doch das Schöne an Gottes Geschichte mit uns Menschen ist ja: Es geht gut aus, vielleicht sogar für Judas. Das sollten wir nicht vergessen, wenn wir uns in diesen Wochen der Passionszeit ganz besonders dem Leiden Jesu widmen. Amen

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen. Liebe Gemeinde!

Normalerweise würde es in diesen Tagen ziemlich bunt, fröhlich und laut in unserem Rheinland zugehen. Wir befinden uns mitten in den Karnevalstagen, die in diesem Jahr ziemlich ruhig sind – keine bunten Kostüme, keine Straßenumzüge und keine Kamelle, kein Alaaf, keine Sitzungen oder Feiern, kein schunkeln.

Und doch möchte ich an diesem letzten Wochenende vor der Passionszeit den Karneval nicht außer Acht lassen, sondern ganz bewusst darauf aufmerksam machen, welche bunte Fröhlichkeit uns in diesen Tagen eigentlich begleiten würde.

Zugegeben: ich selbst bin ein großer Fan der jecken Tage und mir fehlt die Ausübung dieser Tradition in diesem Jahr ziemlich.

Ich stehe zu meiner Karnevalistischen Vorliebe, schließlich ist sie ein Teil meiner Person. Viele tolle unvergessliche, einzigartige und vor allem glückliche Momente in meinem Leben und mit anderen Menschen, habe ich tatsächlich dem Karneval zu verdanken.

Und doch stelle ich mir immer wieder im Stillen die Frage, ob der Karneval und die Kirche überhaupt zusammen passen und ob ich in meiner beruflichen Rolle als Diakonin nicht vielleicht an der ein oder anderen Stelle zurückhaltender sein sollte was das „Jeck sein“ angeht.

Kann ich Gott trotz Pappnas` ehrenvoll begegnen ohne mein eigenes Gesicht zu verlieren?

Darf man sich eigentlich trotz so vielem Leid auf der Welt – trotz aller schlimmen Krankheiten, den ganzen Krisen und Kriegen, den unzähligen Schicksalsschlägen die Menschen jeden Tag in ihrem Leben erfahren müssen und dem Tod, trotz dem großen Hunger, dem Elend und der Armut in vielen Teilen dieser Welt,- dürfen wir trotz allem als Christen feiern, tanzen und glücklich sein?

Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche hat uns Christen ja mal vorgeworfen, dass wir unglaubwürdig sind, weil wir immer so ernst gucken würden.

Demnach müssten gerade wir Christen noch viel mehr lachen und noch viel öfter feiern.

Zugegeben, ist das zumindest in diesen Corona-Zeiten mit dem Feiern, lachen, tanzen und glücklich sein nicht unbedingt einfach. Schon gar nicht mit vielen Leuten zusammen, von öffentlichen Veranstaltungen ganz zu schweigen.

In der Bibel kommt Karneval nicht vor und hat trotzdem einen christlichen Ursprung. Karneval hängt mit der Fastenzeit vor Ostern eng zusammen. Bevor im Angesicht des Todes Jesu am Kreuz gefastet wurde, durfte nochmal so richtig gefeiert werden.

Die Bibel zeigt uns, dass Jesus gerne feierte und sich das Feiern auch nicht hat verbieten lassen. Die Geschichte von der Hochzeit zu Kanaa aus dem Johannesevangelium zeigt uns dies besonders eindrücklich – hier vollbrachte Jesus das erste seiner vielen Wunder. Und die Jünger glaubten an ihn. Die Hochzeit von Kanaa ist eine Vorschau auf das, was uns im Reich Gottes erwartet – auf das was mit Jesu Tod und Auferstehung angebrochen ist. Nach seinem Tod am Kreuz können die Jünger wieder hoffen und sich freuen – denn Jesus lebt. Und so geht es weiter für sie und ihre Nachfolge. Ebenso wie es durch das Wunder von Jesu auf der Hochzeit weitergeht. Er wandelt das Wasser zu Wein – und das Fest geht weiter. Das Fest, das zum Sinnbild des Reiches Gottes wird, ist nicht zu Ende. Sondern es scheint gerade erst richtig los zu gehen. Jesus schenkt die Gemeinschaft, er beschenkt uns im Überfluss damals wie auch heute und es wird uns an nichts mangeln, dank ihm.

An diesem Wochenende ist der letzte Sonntag vor der Passionszeit. Am kommenden Mittwoch startet die Fastenzeit.

Unser heutiger Predigttext lädt ein sich mit dem Propheten Jesaja Gedanken zum Thema Fasten zu machen. Wir hören so folgende Worte:

Das wahre Fasten

581Ruf, so laut du kannst, halt dich nicht zurück! Lass deine Stimme erschallen wie ein Widderhorn! Halt meinem Volk seine Verbrechen vor, den Nachkommen Jakobs ihre Vergehen.2Sie befragen mich Tag für Tag und wollen wissen, was mein Wille ist. Als wären sie ein Volk, das Gerechtigkeit übt und das Recht seines Gottes nicht missachtet! Sie fordern von mir gerechte Entscheidungen und wollen, dass ich ihnen nahe bin.3Und dann fragen sie mich: Warum achtest du nicht darauf, wenn wir fasten? Warum bemerkst du nicht, wie wir uns quälen? Ich antworte: Was tut ihr denn an den Fastentagen? Ihr geht euren Geschäften nach und treibt eure Untergebenen zur Arbeit an!4Ihr fastet nur, um Zank und Streit anzuzetteln und mit roher Gewalt zuzuschlagen. So wie ihr jetzt fastet, findet eure Stimme im Himmel kein Gehör.5Meint ihr, dass ich ein solches Fasten liebe? Wenn Menschen sich quälen, den Kopf hängen lassen wie umgeknicktes Schilf und in Sack und Asche gehen? Nennst du das Fasten, einen Tag, der dem Herrn gefällt?

6Das wäre ein Fasten, wie ich es liebe: Löst die Fesseln der zu Unrecht Gefangenen, bindet ihr drückendes Joch los! Lasst die Misshandelten frei und macht jeder Unterdrückung ein Ende!7Teil dein Brot mit dem Hungrigen, nimm die Armen und Obdachlosen ins Haus auf. Wenn du einen nackt siehst ,bekleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Nächsten!8Dann bricht dein Licht hervor wie die Morgenröte, und deine Heilung schreitet schnell voran. Deine Gerechtigkeit zieht vor dir her, und die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach.

Mit diesen Worten erteilt Gott dem Propheten Jesaja mal wieder einen ziemlich schweren Auftrag: er soll dem Volk Israel eine tadelnde Predigt vom Feinsten halten. Für Jesaja ist dies ja nicht unbedingt etwas Neues – und doch fühlt er sich ziemlich unwohl bei dem Gedanken an das, was Gott da von ihm erwartet. Die Menschen denen das prophetische Donnerwetter von Jesaja droht, machen nämlich eigentlich in Sachen Glauben alles richtig. Es sind fromme Leute, die sich an die Regeln halten, an den dafür vorgesehenen Tagen fasten und sich das Leben sicher nicht leicht machen. Genau für diese Menschen empfindet Jesaja Wertschätzung.

„Ruf, so laut du kannst, halt dich nicht zurück! Lass deine Stimme erschallen wie ein Widderhorn! Halt meinem Volk seine Verbrechen vor, den Nachkommen Jakobs ihre Vergehen.2Sie befragen mich Tag für Tag und wollen wissen, was mein Wille ist. Als wären sie ein Volk, das Gerechtigkeit übt und das Recht seines Gottes nicht missachtet! Sie fordern von mir gerechte Entscheidungen und wollen, dass ich ihnen nahe bin.“

Die Worte Gottes lassen erahnen, dass die Menschen die eigentlich alles richtig machen, dann doch irgendwie alles falsch machen. Jesaja erahnt schon, dass er mit ganz schön Gegenwind seiner Gemeinde zu rechnen hat und ist sich sicher, dass die Menschen diese Worte nicht einfach so auf sich sitzen lassen werden. Trotz dem Widerstand der Menschen lässt sich deutlich heraus hören: sie haben richtig gefastet, aber dennoch falsch gelebt. Und damit ist die Botschaft Gottes auch für uns heute noch klar zu verstehen: Wenn ihr euer Leben nicht in den Einklang mit dem Fasten bringt, ist das was ihr tut, euer ganzer Verzicht, nichts wert. Auf die Bibelstelle bezogen heißt das: Man kann nicht fromme Dinge mit der Unterdrückung seiner eigenen Angestellten kombinieren und so macht Gott ganz klar, wie das Fasten zu verstehen ist:

Wenn Fasten zur eigenen Qual wird und man es nur tut um vor Gott selbst gut dazu stehen, ist es falsch.

Richtiges Fasten hingegen ist, wenn man Unrecht wieder gut macht, Hungrigen etwas zu essen gibt, die Bedürftigen mit ihren Sorgen im Blick hat – kurz wenn man der Barmherzigkeit und Nächstenliebe einen festen Platz in seinem Leben gibt.

Das ist die Form des Fastens, die Gott gefällt. Fasten ohne Hintergedanken.

Das Fasten ist auch heute noch in aller Munde. Unzählige Ratgeber, Detox-Kuren, Apps, Rezepte begleiten viele Menschen in ihrer persönlichen Fastenzeit. Auch ich kenne viele Menschen, die fasten – darunter auch viele sehr junge Leute. Der sechswöchige Verzicht auf Schokolade, Chips oder Alkohol nach Karneval ist jedes Jahr auch Thema bei uns in der Jugendarbeit. Selbst unsere Jungscharkinder üben sich darin, bestimmte Dinge in ihrem so jungen Leben, für eine gewisse Zeit beiseite zu schieben. Ich persönlich finde diese selbstgesteckten Ziele immer wieder spannend und freue mich jedes Jahr darüber, diese individuellen Fastenzeiten am Rande mit begleiten zu können. Schließlich steckt hinter jedem Fasten ein ganz persönliches Bedürfnis, dass in jedem Falle immer ernst zu nehmen ist.

Durch Jesaja werden wir aufgefordert unser tägliches Handeln zu überprüfen und unser Spiegelbild genau anzuschauen. Dann steht unser Sein auf dieser Welt im Einklang mit unseren Handlungen – ganz egal ob wir ganz bewusst fasten oder eben nicht.

Und so komme ich wieder zu meinen Fragen zu Anfang zurück:

Kann ich Gott trotz Pappnas` ehrenvoll begegnen ohne mein eigenes Gesicht zu verlieren?

Darf man sich eigentlich trotz so vielem Leid auf der Welt – trotz aller schlimmen Krankheiten, den ganzen Krisen und Kriegen, den unzähligen Schicksalsschlägen die Menschen jeden Tag in ihrem Leben erfahren müssen und dem Tod, trotz dem großen Hunger, dem Elend und der Armut in vielen Teilen dieser Welt,- dürfen wir trotz allem als Christen feiern, tanzen und glücklich sein?

Ich sage JA! Wir Christen haben allen Grund uns zu freuen und zu feiern. Wir feiern ja nicht um jemanden anderen zu schaden oder erfreuen uns nicht etwa am Leid anderer. Nein, wir feiern miteinander und genießen die Gemeinschaft. Und JA, vielleicht freuen wir uns auch einfach ab und zu darüber laut und sichtbar, dass es uns gut geht, darüber dass wir gesund sind. Ist das aber nicht auch unser gutes Recht? Nicht nur weil wir Christen sind, sondern eben auch einfach Menschen.

Gott schenkt uns das Leben über den Tod hinaus – meiner Meinung nach ist das der größte Grund um sich zu freuen.

Wir wissen alle um die schlimmen, traurigen, beängstigende Dinge auf unserer Welt allzu gut Bescheid. Da kann man schon mal das Lachen zu recht verlieren. Gott lässt uns aber nicht alleine. Auch im Leid ist er uns nahe und will uns zurück ins Leben führen. Wir haben die Hoffnung, dass nach allem Schlimmen immer etwas Gutes auf uns wartet. Und so haben wir allen Grund zur Freude und es steht uns auch zu uns aus tiefstem Herzen freuen zu dürfen und zu feiern – auch wenn es wie dieses Jahr anders zu Karneval als sonst ist.

Unseren Kindern und Familien im Ort, die sich an unserem kunterbunten Konfettibaum am Gemeindehaus eine Tüte „Karneval to Go“ abholen dürfen, haben wir sehr ans Herz gelegt auch in diesem Jahr die Kühe fliegen zu lassen und den Schafen die Locken aus dem Fell zu ziehen zwar Zuhause und nur im Kreise der Familie – aber ja, unsere kleinen und auch die großen Kinder Gottes sollen nicht nur in diesen Tagen tanzen, schunkeln, lachen, sich von Herzen freuen und feiern – sondern wann immer es nur geht. Das Leben ist zu kurz um in Traurigkeit gefangen zu bleiben.

Karneval 2021 ist anders als wir es kennen und doch ist es bei allem was wir in dieser Zeit machen nur wichtig, was ist unseren Herzen passiert.

Karneval – Fasten – Barmherzigkeit – Nächstenliebe sind für mich in diesem Quartett der Inbegriff der Freude und der Hoffnung.

Und all das bekommen wir von Gott und seinem Sohn Jesus Christus jeden Tag aufs Neue geschenkt. Das dürfen wir natürlich feiern – immer und überall; so laut wie wir möchten!

Amen.

Liebe Gemeinde,

wieder einmal hatten sich viele Menschen aus nah und fern versammelt, um Jesus zu hören und zu sehen. Und wie so oft erzählt er den Menschen ein Gleichnis. Aufgeschrieben ist dies im Lukasevangelium, im 8. Kapitel:

Eine große Menschenmenge sammelte sich um Jesus, aus allen Orten strömten die Leute zu ihm. Da erzählte er ihnen ein Gleichnis: »Ein Bauer ging aufs Feld, um seinen Samen zu säen. Als er die Körner ausstreute, fiel ein Teil von ihnen auf den Weg. Dort wurden sie zertreten und von den Vögeln aufgepickt. Andere Körner fielen auf felsigen Boden. Sie gingen auf, vertrockneten dann aber, weil sie nicht genug Feuchtigkeit hatten. Wieder andere Körner fielen mitten in Dornengestrüpp, das wuchs mit auf und erstickte das Korn. Andere Körner schließlich fielen auf guten Boden, gingen auf und brachten hundertfache Frucht.« Darauf rief Jesus: »Wer Ohren hat, soll gut zuhören!« (Lk 8, 5-8) Das lässt einen zunächst rätselnd zurück. Was meint Jesus damit? Und so ging es auch seinen Jüngern. Sie hörten ihm bestimmt aufmerksam zu, doch sie verstanden es nicht. Meist waren die Gleichnisse ihres Lehrers einleuchtend. Mit alltäglichen Beispielen erklärte er den Menschen Gottes Wesen, Gottes Liebe, Gottes Willen und den Weg hin zu Gott. Das alles verstanden sie gut. Aber nun? Das Gleichnis was sie hörten, war wieder aus dem Alltag genommen: Ein Bauer bei der Aussaat. Das ist nicht weiter erstaunlich, im Frühjahr sah man so etwas fast täglich. Doch welcher Bauer ist so unaufmerksam wie der aus dem Gleichnis: Wer wirft den kostbaren Samen auf den Weg oder die Felsen? Wer sät inmitten des Dornengestrüpps? Da muss ein Bauer aber mehr Samen als reichlich besitzen. Aber was denn jetzt: Ist er verschwenderisch oder unaufmerksam? Und weil sie das alles auch nach kurzer Diskussion untereinander nicht verstanden, fassten sie sich ein Herz: „Meister, bitte erkläre uns dieses Gleichnis!“ Jesus wunderte sich bestimmt ein wenig, doch dann erklärte er es ihnen:

Die Jünger fragten Jesus, was dieses Gleichnis bedeute. Jesus antwortete: »Euch hat Gott die Geheimnisse seines Planes erkennen lassen, nach dem er schon begonnen hat, seine Herrschaft in der Welt aufzurichten; die anderen bekommen davon nur in Gleichnissen zu hören. Sie sollen sehen und doch nichts erkennen, sie sollen hören und doch nichts verstehen. Das Gleichnis will Folgendes sagen: Der Samen ist die Botschaft Gottes. Bei manchen, die sie hören, geht es wie bei dem Samen, der auf den Weg fällt. Der Teufel kommt und nimmt weg, was in ihr Herz gesät worden ist. Er will nicht, dass sie die Botschaft annehmen und gerettet werden. Bei anderen ist es wie bei dem Samen, der auf felsigen Boden fällt. Sie hören die Botschaft und nehmen sie mit Freuden an. Aber sie sind Menschen ohne Wurzel: Eine Zeit lang halten sie sich an die Botschaft; aber wenn sie auf die Probe gestellt werden, fallen sie ab. Wieder bei anderen ist es wie bei dem Samen, der in das Dornengestrüpp fällt. Sie hören zwar die Botschaft, aber dann gehen sie davon und ersticken in ihren Alltagssorgen, in Reichtum und Vergnügungen und bringen keine Frucht. Bei anderen schließlich ist es wie bei dem Samen, der auf guten Boden fällt. Sie nehmen die Botschaft mit gutem und willigem Herzen an, bewahren sie und bringen durch Standhaftigkeit Frucht.«(Lk 8, 10-15)

Nun begreifen es die Jünger und wir auch. Es geht nicht darum, wie ungeschickt oder vorausschauend der Bauer bei seiner Aussaat ist. Was er macht ist sicherlich pure Verschwendung. Aber warum nicht? Denn was er sät – oder eigentlich: was er unter die Leute bringt – ist Gottes Wort. Davon gibt es reichlich, damit muss man nicht sparsam sein. Das Wort Gottes soll ja möglichst vielen zu Ohren kommen, es ist keine Geheimlehre, die nur für wenige Auserwählte gedacht ist. Am besten wäre es, die ganze Welt erführe davon. Also ist der Bauer aus diesem Gleichnis ganz bewusst verschwenderisch. Und er bringt den Samen – also das Wort Gottes – auch dorthin, wo man Zweifel an der Wirksamkeit haben könnte: Auf den Weg, in die Felsen oder ins Dornengestrüpp. Es könnte ja sein, dass es auch dort vernommen wird, Wurzeln schlägt und Frucht bringt. Wenigstens will es der Bauer versuchen.

Das, liebe Gemeinde, kennen wir ja auch von anderen Geschichten und Gleichnissen Jesu: Gott gibt niemanden auf. Er versucht es immer wieder, nicht nur einmal, sondern mehrmals. Vielleicht gelingt es Gott mit seiner Beharrlichkeit doch, bei den Menschen Gehör zu finden, sie für seine Botschaft, seine Liebe und seine Gebote zu interessieren, sie auf den richtigen Weg zu bringen. Deshalb ist diese Aussaat keine Verschwendung, sondern Teil von Gottes unermüdlichem Werben um die Menschen. Ist es nicht großartig, wie viel Hoffnung Gott in uns setzt? Warum also geben wir dann oft so schnell auf? Weshalb erklären wir Projekte für gescheitert, wenn sie im ersten Anlauf nur wenig Zuspruch erfahren? Warum versuchen wir manches erst gar nicht, weil wir es für vergebliche Mühe halten. Haben wir Angst vor der Enttäuschung oder fehlt uns die Kraft?

Diese Gleichnis ist auch Trost und Ermutigung für frustrierte Missionare. Missionare sind nach dem Verständnis des Neuen Testaments alle Christinnen und Christen, nicht nur einige wenige mit spezieller Ausbildung. Wir alle sollen Gottes Botschaft nicht nur leben, sondern auch weitergeben. Wir hören hier, dass wir nicht frustriert sein sollen, wenn es nicht den erhofften Zuspruch der Massen gibt. Das liegt nicht immer an uns. Und wir hören auch, dass wir keine wirtschaftlichen Maßstäbe anlegen sollen, wenn wir im Namen Gottes reden und handeln. Wir können da ruhig großzügig, ja verschwenderisch mit unseren Bemühungen sein. Also nicht direkt aufgeben wenn ein Projekt beim ersten Versuch nur mäßig erfolgreich ist und nicht im Vornherein die Chancen und den Nutzen miteinander verrechnen. Wir Christinnen und Christen sind doch kein Wirtschaftsunternehmen mit begrenzten Ressourcen, die wir möglichst gewinnbringend einsetzen wollen! Von Gottes Wort, Gottes Liebe, die wir mit Herzen, Mund und Händen weitergeben, haben wir reichlich. Da brauchen wir nicht zu fürchten, dass uns die Botschaft ausgeht.

Was wäre das für ein Glaube, wenn wir zuallererst daran denken, was uns das wieder alles kostet! Glauben auf Sparflamme ist halbherzig und unglaubwürdig, da geht nur ganz oder gar nicht. Und so ist es eben auch mit denen, welche das Wort Gottes weitergeben oder -sagen. Die gucken nicht danach, wo denn ein möglichst optimaler Einsatz der vorhandenen Kräfte zu bewerkstelligen ist, sondern die teilen aus. Mit ganzem Herzen und vollen Händen. So wie der Bauer in unserem Gleichnis. Und sie wissen: Da geht nicht alles auf, was gesät wird. Manches ist im Rückblick bestimmt vergebliche Mühe gewesen. So wie das, was der Bauer auf den Weg, den Felsen oder zwischen die Dornen sät. Einiges davon bringt nur einen winzigen Keim zustande und geht wieder ein. Anderes beginnt mit viel Schwung, aber ist so schnell wieder weg, wie es gekommen ist. Oder es zieht sich zurück, kümmert kärglich vor sich hin. Doch wieder anderes wächst und gedeiht dass es eine wahre Freude ist. Da macht dann auch die Ernte Spaß, weil es so üppig trägt.

Aber an diesem Punkt müssen wir das Gleichnis verlassen. Denn ein Bauer ahnt schon bei der Aussaat, was angeht und was nicht. Sicher gibt es ein paar Faktoren, die kann er nicht vorausplanen. Ein Dürrejahr oder ein später Frost machen die Ernte auch beim schönsten Ackerboden zunichte. Genauso ein schlimmes Unwetter oder in Afrika und dem Nahen Osten, wo Jesus lebte, ein Heuschreckenschwarm. Doch das sind die Ausnahmen. Deshalb wirft ein Bauer normalerweise seine Saat erst gar nicht auf den Weg, zwischen die Felsen oder ins Gestrüpp. Das wäre ja Verschwendung. Doch bei Gottes Wort ist das anders. Wir wissen eben nicht, bei wem die Saat aufgeht und wo nicht. Sicher spielen da manche Äußerlichkeiten eine Rolle: Ein Elternhaus wo der Glaube gelebt wird, könnte ein gut vorbereiteter Boden für Gottes Wort sein. Aber auch das bietet keine Garantie. Je nachdem wie der Glauben gelebt wird, kann es sogar abschrecken: Zu eng, zu viele Regeln, zu wenig Liebe, zu wenig Freiheit, Freude und Barmherzigkeit. Vielleicht kennen Sie das ja.

Auf der anderen Seite kann es auch sein, dass da ein Mensch ist, von dem man gar nichts erwartet. Aus schlimmen Verhältnissen kommend, skeptisch, mit allem unzufrieden, verbittert. Und plötzlich hat der ein Erlebnis oder eine Begegnung, die alles verändert. Er strahlt eine tiefe Zufriedenheit aus, geht mit offenen Augen und einem fröhlichem Herzen durch die Welt, getragen von seinem Glauben. Vielleicht gibt er den auch weiter, erzählt was ihn trägt. Das muss nicht immer aufdringlich sein.

Wir wissen beim besten Willen im Vornherein nicht, ob und wann ein Mensch sein Leben ändert. Und wir wissen auch nicht, ob das auf Dauer anhält. Vielleicht ist es nur ein kurzes Aufflackern. Es kann auch sein, dass die Hinwendung zu Gott erst in fortgeschrittenerem Lebensalter kommt, wenn man erkennt, dass der Sinn des Lebens nicht im Anhäufen von Gütern oder möglichst viel oberflächlichem Spaß besteht. Noch lange nicht jede Konfirmandin und jeder Konfirmand ist bei der Konfirmation von einem tiefen Glauben erfüllt. Eine recht große Zahl davon kehren der Kirche zunächst mal den Rücken zu, einige davon kommen später wieder, andere noch später, wieder andere gar nicht. Und dennoch konfirmieren wir sie alle, denn wir wissen nicht, wo der Same auf den Felsen fällt und wo es der fruchtbare Acker ist. Unser Acker sieht zunächst einmal gleich aus, die Dornen und der Fels sind nicht sofort zu erkennen. Und wir wissen weder ob, noch wie lange es braucht, bis der Same aufgeht.

Um es in den Bildern des Gleichnisses zu erklären: Es gibt manche Wüstenpflanzen, deren Samen jahrelang im Boden überdauern kann. Und wenn dann plötzlich Regen fällt, gehen sie auf, blühen und tragen Frucht. Für den Regen aber, der sie zum Wachsen und Gedeihen bringt, sind nicht die Menschen verantwortlich. Und so ist es auch bei zahlreichen Menschen, denen wir Gottes Wort sagen. Da passiert zunächst gar nichts. Und dann, nicht vorhersagbar, beginnt es zu wirken, zu wachsen und trägt Frucht. Das geschieht nicht immer. Aber es passiert öfter als manche meinen. Und so soll es ja auch sein. Wir Christinnen und Christen haben keine Geheimreligion und wir sind auch kein kleiner, exklusiver Kreis der wahrhaft Wissenden oder so etwas. Nein, unser Anspruch ist es, allen Menschen die frohe Botschaft von Gottes Liebe und Gnade mitzuteilen und sie aufzufordern, nach seinen Geboten zu leben. So wie es uns Jesus Christus gesagt und vorgelebt hat. Auch wenn das Wort Mission heute für viele abschreckend wirkt – warum auch immer – das ist unser Anspruch. Doch wir können das nicht allein. Wir können nur den Samen legen, vielleicht auch noch für einigermaßen gute Bedingungen sorgen, doch fürs Wachstum und die Früchte können wir nur wenig tun. Das liegt weitgehend in Gottes Hand. Unsere Aufgabe ist die Aussaat, das reicht. Vielleicht kennen Sie das ja: Wenn Kinder ein Beet anlegen, sind sie oft fürchterlich ungeduldig. Manchmal ziehen sie sogar an den kleinen Pflanzen, damit die schneller wachsen. Irgendwann begreifen sie, dass sie damit die Pflänzchen kaputt machen. Mehr als Warten und bei Trockenheit genug Gießen können wir nicht machen.

Und so ist es bei der Verbreitung von Gottes Wort auch. Wir verteilen den Samen, also die Botschaft. Das sollten wir möglichst großzügig machen, denn wir wissen nicht, wo es wächst. Dann können wir vielleicht noch ein wenig unterstützen, so wie der Bauer Wässern oder Düngen kann. Aber damit ist unser Einfluss schon vorüber. Alles andere liegt nicht in unserer Hand. Das mag in einzelnen Fällen frustrierend sein, aber damit müssen wir leben. Doch brauchen wir nicht an uns zu zweifeln, wenn unser Reden auf Ablehnung stößt. Das ist so wie mit dem Bauer, der seinen Samen auch auf den Fels und zwischen die Dornen wirft. Es kann vergebliche Mühe sein, es kann aber auch mal gut gehen. Denn im Gegensatz zu einem Bauern, der seinen Acker gut kennt, wissen wir nicht, was angeht und Frucht trägt. Manches Mal dauert es auch einige Zeit, womöglich viele Jahre. Aber das sollte uns nicht daran hindern, auch weiterhin fröhlich und voller Optimismus Gottes Wort zu verbreiten. Die Ernte und somit auch der Lohn für den Sämann wird reichlich genug sein, da bin ich mir sicher.

Amen

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Es gibt Momente, da sehe ich völlig klar und dann weiß ich auch ganz genau wo es lang gehen soll. Dann erscheint mir mein Leben wie von einem Licht bestrahlt- ich weiß dann ganz genau wer ich bin und was ich will. Ich bin mir in diesen Momenten meinen Zielen sehr sicher und weiß wie meine Träume aussehen. Dann ist mein Leben durch das Licht gesehen ganz ganz hell und von einer Wärme umhüllt.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, liebe Gemeinde und ich bin mir auch nicht sicher ob Sie in diesen Zeiten diese Helligkeit und Wärme im ein oder anderen Moment für sich persönlich spüren können!? Vielleicht ist für Sie dieses hoffnungsvolle Licht mit seiner wohltuenden Wärme auch gerade eher nur eine winzig kleine Flamme.

Wie auch immer es gerade für jeden einzelnen von Ihnen ist oder wie es Ihnen gerade so geht, dieses helle Licht ist dennoch immer da.

An diesem Sonntag feiern wir den letzten Sonntag nach Ephiphanias – also den letzten Sonntag im Weihnachtsfestkreis des Kirchenjahres. Wir sind heute dazu eingeladen uns nochmal an Weihnachten zu erinnern.

Wie war das zurückliegende Weihnachtsfest für Sie, liebe Gemeinde?

Was hat Sie besonders bewegt oder glücklich gemacht? In welchen Momenten hat ihr Herz vor Freude kleine Sprünge gemacht? Wann waren Sie eher nachdenklich oder vielleicht auch sentimental?

Was ist für Sie vom Geburtstag unseres Jesus Christus – der Liebe und dem Licht, die mit ihm in diese Welt gekommen sind, geblieben?

Diese hinter uns liegenden Tage waren in jedem Fall sehr besonders und anders als wir es bisher gewohnt waren. Dies bedeutet nicht das es im Allgemeinen schlechter war als in den vergangenen Jahren. Das Weihnachtsfest 2020 war einfach speziell und geprägt von Einschränkungen. Einschränkungen die wir alle glaube ich auch gerne hin genommen haben, weil wir diese eine große Hoffnung hatten. Die Hoffnung das sich die Lage der Pandemie durch unsere eigene Zurückhaltung schnell verbessern wird. Ich glaube ja, dass dieser Gedanke unser Weihnachtslicht gewesen ist. Sonst hätten wir diese Tage sicherlich weniger gut überstanden. Unseren Herzen und Seelen wird seit Monaten sehr viel abverlangt – da brauchten wir dieses Hoffnungslicht und die damit verbundenen Perspektiven meiner Meinung nach ganz dringend.

Und nun ist unser Jahr 2021 gute vier Wochen alt… Ich persönlich frage mich schon, was von diesem Licht, der Weihnachtsfreude und all der großen Hoffnungen eigentlich so übrig geblieben ist.

Wir befinden uns weiterhin im Lockdown, wir dürfen noch weniger Menschen treffen als vorher, die wirtschaftliche Lage bleibt für viele Bereiche weiterhin sehr angespannt und genau genommen, weiß niemand so richtig wie lange wir noch so leben sollen oder können und wie es weiter gehen wird. Für mich als eigentlich optimistischer Mensch sind diese Ausblicke alles andere als hell und die Wärme, die wir alle so dringend brauchen würden geht von Tag zu Tag mehr verloren. Ja, unsere Herzen haben es in diesen Zeiten sehr schwer. In machen Momenten glaube ich in dieser Dunkelheit verloren zu gehen. Manchmal denke ich das mein Herz zerbricht, wenn ich höre was auf dieser Welt passiert, wieviele Menschen unter Corona und den uns allen bekannten Nebenwirkungen leiden; wenn ich daran denke, wie sehr ich unseren Jugendbereich gefüllt mit vielen Kindern und Jugendlichen vermisse oder mir wieder einfällt, wie sehr ich unser Mitarbeiterteam der Jugend und viele andere Menschen in meinem Leben jeden Tag vermisse…Vielleicht können die Worte aus dem 2. Brief des Petrus in den Versen 16-21 für uns heilsam wirken – in unserer Angst, in unserer Verzweiflung, in unseren dunklen Momenten:

Wir haben doch nicht irgendwelche klugen Geschichten erfunden, als wir euch verkündeten, dass unser Herr Jesus Christus in Macht und Herrlichkeit erscheinen wird. Mit unseren eigenen Augen haben wir seine herrliche Größe ja schon gesehen. Gott, der Vater, hat ihm diese Ehre und Macht gegeben. Als Jesus mit uns auf dem heiligen Berg war, haben wir selber die Stimme Gottes, des Höchsten, gehört. Vom Himmel her sprach er: »Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich mich von Herzen freue.« Umso fester verlassen wir uns jetzt auf das, was Gott durch seine Propheten zugesagt hat. Auch ihr tut gut daran, wenn ihr darauf hört. Denn Gottes Zusagen leuchten wie ein Licht in der Dunkelheit, bis der Tag anbricht und der aufgehende Morgenstern in eure Herzen scheint. Doch vergesst vor allem eines nicht: Kein Mensch kann jemals die prophetischen Worte der Heiligen Schrift aus eigenem Wissen deuten. Denn niemals haben sich die Propheten selbst ausgedacht, was sie verkündeten. Immer trieb sie der Heilige Geist dazu, das auszusprechen, was Gott ihnen eingab.

Für den Apostel ist der Glaube im prophetischen Wort zusammengefasst. Hieran macht er sich selber fest und fühlt sich durch diese Worte sicher. In diesem Brief sieht sich Petrus selber an einem dunklen Ort. Er fühlt sich selber auf dieser Welt nicht wohl und empfindet sie als feindlich. Und dennoch gibt er nicht auf und hält an seiner Hoffnung fest: Das Licht wird sich durchsetzen, das gleiche Licht, das auf dem Gesicht Jesu lag als er verklärt wurde. Und Petrus ist sich sicher, der Morgenstern wird dieses Licht ankündigen und es wird aufgehen in unseren Herzen.

Und so stehen die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft unzertrennlich beieinander. Sie verbinden sich in den Worten von Petrus. Worte, die es auch für uns wieder hell werden lassen können. Und dafür müssen wir uns eigentlich nur daran erinnern, was wir selber schon mit Gott erlebt haben. Es geht darum was jeder von uns schon mit oder durch Gott erfahren hat. All diese Dinge geben uns die so notwendige Kraft und das Durchhaltevermögen für unser Sein auf dieser Welt – heute und morgen. Wir müssen keinen der uns bevorstehenden Wege alleine gehen – es gibt viele andere Menschen die diese Schritte mit uns gemeinsam gehen. Vielleicht ist gerade diese Zeit in unserem Leben die Chance wieder bewusst wahrzunehmen wer an unserer Seite ist, wer uns tröstet und Hoffnung schenkt, wer unser Herz wärmt und Licht in unser Leben bringt.

Ja vielleicht können wir in dieser Zeit auch etwas genauer über unsere Beziehung zu Gott und unseren persönlichen Glauben nachdenken, diesen überdenken und hinterfragen. Viele Menschen neigen in Krisensituationen, wie auch die Corona-Pandemie eine ist, dazu die Gegenwart und die Existenz Gottes anzuzweifeln.

So werden die Worte des Petrus, wenn er schreibt: „Denn Gottes Zusagen leuchten wie ein Licht in der Dunkelheit, bis der Tag anbricht und der aufgehende Morgenstern in eure Herzen scheint. Doch vergesst vor allem eines nicht: Kein Mensch kann jemals die prophetischen Worte der Heiligen Schrift aus eigenem Wissen deuten. Denn niemals haben sich die Propheten selbst ausgedacht, was sie verkündeten. Immer trieb sie der Heilige Geist dazu, das auszusprechen, was Gott ihnen eingab.“

zu einer Art Beweisstück, dass es Gott gibt. Er möchte den Schriftbeweis des prophetischen Wortes liefern, die Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift unterstreichen und das Heilshandeln des lebendigen Gottes bezeugen. Das prophetische Wort und dessen Erfüllung wurden für Petrus ein unverzichtbarer Bestandteil seines Lebens: „Denn niemals haben sich die Propheten selbst ausgedacht, was sie verkündeten. Immer trieb sie der Heilige Geist dazu, das auszusprechen, was Gott ihnen eingab.“

Und so wird es auch Licht in unserem Leben. Denn bei allen Diskussionen über die Existenz oder den Willen Gottes geht es im Glauben nicht darum im Besitz der Wahrheit zu sein- sondern es geht ganz einfach um das Vertrauen auf die Zusage Gottes, dass er bei uns ist in allen Zeiten unseres Lebens heute, morgen und bis an das Ende der Welt.

Mir gibt genau das ein Stück Hoffnung wieder. Hoffnung darauf, dass es auch für uns wieder heller werden wird. Hoffnung darauf, dass die Liebe Gottes uns das nötige Licht dann gibt, wenn wir es brauchen. Hoffnung darauf, dass wir bald wieder von dieser wohltuenden Wärme umhüllt werden – dass der nahende Frühling uns allen Erleichterung verschafft, Freiheit schenkt, unseren Herzen all das schwere wieder abnimmt und vor Freude wieder hüpfen lässt.

„Der Morgenstern wird aufgehen in euren Herzen“, sagt Petrus im Brief an seine Gemeinde. So wie der Morgenstern schon die Hirten durch sein Licht an die Krippe geführt hat, so dürfen auch wir uns von dem Licht leiten lassen und ihm einen Platz in unserem Herzen geben:

„Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht;

es hat Hoffnung und Zukunft gebracht;

es gibt Trost, es gibt Halt,

in Bedrängnis, Not und Ängsten,

ist wie ein Stern in der Dunkelheit.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Liebe Gemeinde,

der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext könnte das Drehbuch für den ersten Teil einer mehrteiligen Fernsehserie sein. Aber kein Krimi oder Thriller, sondern eine Familiensaga, also eher etwas fürs Herz, wie es so schön heißt. Es ist der Beginn des Buchs Rut und deutlich länger als die meisten anderen Predigttexte:

Es war die Zeit, als das Volk Israel noch von Richtern geführt wurde. Weil im Land eine Hungersnot herrschte, verließ ein Mann aus Betlehem im Gebiet von Juda seine Heimatstadt und suchte mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen Zuflucht im Land Moab. Der Mann hieß Elimelech, die Frau Noomi; die Söhne waren Machlon und Kiljon. Die Familie gehörte zur Sippe Efrat, die in Betlehem in Juda lebte. Während sie im Land Moab waren, starb Elimelech und Noomi blieb mit ihren beiden Söhnen allein zurück. Die Söhne heirateten zwei moabitische Frauen, Orpa und Rut. Aber zehn Jahre später starben auch Machlon und Kiljon, und ihre Mutter Noomi war nun ganz allein, ohne Mann und ohne Kinder. Als sie erfuhr, dass der Herr seinem Volk geholfen hatte und es in Juda wieder zu essen gab, entschloss sie sich, das Land Moab zu verlassen und nach Juda zurückzukehren. Ihre Schwiegertöchter gingen mit. Unterwegs sagte sie zu den beiden: »Kehrt wieder um! Geht zurück, jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr vergelte euch alles Gute, das ihr an den Verstorbenen und an mir getan habt. Er gebe euch wieder einen Mann und lasse euch ein neues Zuhause finden.« Noomi küsste die beiden zum Abschied. Doch sie weinten und sagten zu ihr: »Wir verlassen dich nicht! Wir gehen mit dir zu deinem Volk.« Noomi wehrte ab: »Kehrt doch um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Habe ich etwa noch Söhne zu erwarten, die eure Männer werden könnten? Geht, meine Töchter, kehrt um! Ich bin zu alt, um noch einmal zu heiraten. Und selbst wenn es möglich wäre und ich es noch heute tun würde und dann Söhne zur Welt brächte – wolltet ihr etwa warten, bis sie groß geworden sind? Wolltet ihr so lange allein bleiben und auf einen Mann warten? Nein, meine Töchter! Ich kann euch nicht zumuten, dass ihr das bittere Schicksal teilt, das der Herr mir bereitet hat.« Da weinten Rut und Orpa noch mehr. Orpa küsste ihre Schwiegermutter und nahm Abschied; aber Rut blieb bei ihr. Noomi redete ihr zu: »Du siehst, deine Schwägerin ist zu ihrem Volk und zu ihrem Gott zurückgegangen. Mach es wie sie, geh ihr nach!« Aber Rut antwortete: »Dränge mich nicht, dich zu verlassen. Ich kehre nicht um, ich lasse dich nicht allein. Wohin du gehst, dorthin gehe ich auch; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da will auch ich sterben; dort will ich begraben werden. Der Zorn des Herrn soll mich treffen, wenn ich nicht Wort halte: Nur der Tod kann mich von dir trennen!« Als Noomi sah, dass Rut so fest entschlossen war, gab sie es auf, sie zur Heimkehr zu überreden. So gingen die beiden miteinander bis nach Betlehem. (Rut 1,1-19)

Es beginnt als eine Flüchtlingsgeschichte. Wegen einer Hungersnot verlässt Elimelech aus Bethlehem seine Heimat und zieht mit seiner Frau Noomi und seinen beiden Söhnen ins Nachbarland Moab. Dort bleiben sie und werden sesshaft. Doch ganz ohne Tragik geht das in dieser Erzählung nicht. Elimelech stirbt. Seine Söhne wachsen heran und heiraten Frauen aus dem Land, Orpa und Rut. So etwas nennt man wohl gelungene Integration. Einige Jahre darauf sterben auch die Söhne, anscheinend ohne dass sie bis dahin eigene Kinder hatten. Vor allem keine Söhne. Das ist in einer Gesellschaft, in der die Frauen nur wenig zu sagen hatten, sehr wichtig. Noomi ist nun nahezu rechtlos. Dazu kommt noch, dass die Altersvorsorge der Familie die Kinder waren, vor allem die Söhne, welche sich um die alt gewordenen Eltern kümmern mussten. Also beschließt sie, wieder zurück in ihre alte Heimat zu gehen, wo sie noch einige Verwandte hat. Den verwitweten Schwiegertöchtern rät sie, zurück zu ihren Eltern zu gehen. Bestimmt fänden sie dort einen Mann für eine zweite Ehe. Ihre Zukunft bei Noomi wäre sehr ungewiss. Denn Noomi hat keine weiteren Söhne. Darum geht die alte Tradition, dass beim frühen Tod des Partners ein jüngerer Bruder, beziehungsweise eine jüngere Schwester geheiratet wird, in diesem Fall nicht. Orpa nimmt diesen Rat an und kehrt nach tränenreichem Abschied zurück, Rut hingegen bleibt bei Noomi. Die beiden Frauen machen sich auf und ziehen nach Bethlehem.

An diesem Punkt endet unser Predigttext und sozusagen auch der erste Teil der mehrteiligen Serie. Wenn Sie wissen wollen, wie es weitergeht mit Rut und Noomi schlagen Sie doch einfach die Bibel auf. Das ganze Buch Rut hat nur vier Kapitel, das kann man in einer guten Viertelstunde lesen.

Wie gesagt: Man kann diese Geschichte als Teil einer tragischen Familiensaga hören. Dann wird hier erzählt, wie die Familie über Generationen hinweg ihren Weg geht, allen tragischen Todesfällen trotzt und es irgendwie schafft zu überleben. Auch die Liebe kommt später ins Spiel, wie sich das für eine Familiensage gehört.

Man kann die Geschichte auch als eine Erzählung von zwei starken Frauen hören. Noomi und Rut gehen mutig alleine ihren Weg in einer Gesellschaft, in der Frauen ohne männliche Familienangehörige sonst ein schlimmes Schicksal droht. Entweder werden sie Bettlerinnen oder sie müssen sich prostituieren, um zu überleben. Doch diese zwei wagen den mühsamen Weg zurück nach Bethlehem, in der Hoffnung dort unter besseren Umständen zu leben und zu überleben.

Schließlich kann man die Geschichte aber auch als Flüchtlingsgeschichte hören: Elimelech zieht mit seiner Familie aus der Hungsernot in Bethlehem nach Moab, in der Hoffnung dort zu überleben und eine bessere Zukunft zu finden. Und ebenso zieht Noomi mit ihrer ebenfalls verwitweten Schwiegertochter Rut gut ein Jahrzehnt später aus Moab nach Bethlehem, weil sie sich dort mehr Sicherheit und somit eine bessere Zukunft erhoffen. Heute würde man so etwas vermutlich Wirtschaftsflüchtlinge nennen. Menschen, die aus der Not und dem Elend ihrer Heimat unter oft schwierigen Umständen in ein anderes Land ziehen, weil sie sich dort eine Zukunft erhoffen. Das ist nichts Neues, das gab es schon immer. Nehmen Sie die Siebenbürger, deren Vorfahren vor mehreren Hundert Jahren doch nicht aus Abenteuerlust den langen gefahrvollen Weg nach Osten gewagt haben, sondern weil sie sich dort ein besseres Leben erhofften. So ähnlich war es auch mit den Deutschen, die sich vor gut 200 Jahren an der Wolga in Russland ansiedelten. Und viel anders war es auch bei den meisten Auswanderern nach Amerika nicht. Sie alle hofften auf ein besseres Leben in der Fremde, für sich und oft auch für ihre Familien.

In unserer Geschichte kann man den Flüchtlingen noch nicht einmal mangelnden Integrationswillen vorwerfen: Elimelech und seine Familie waren bereit, sich in der Fremde zu integrieren, sie zu ihrer neuen Heimat werden zu lassen. Man sieht es daran, dass beide Söhne Moabiterinnen geheiratet haben. Und genauso ist auch die Moabiterin Rut zur Integration bereit: Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.

Flüchtlinge gab es in der Geschichte der Menschheit wohl schon immer. Ob man nun aus Lebensgefahr oder wirtschaftlicher Not in ein anderes Land zog, weil man wegen seiner Meinung persönlich verfolgt wurde, weil man vor Krieg floh um wenigstens das Leben zu retten oder weil man zu einer religiösen oder ethnischen Minderheit gehörte, die bedroht wurde. Es gab und gibt viele Gründe die Heimat zu verlassen. Manchmal war es auch keine Flucht, sondern Vertreibung, die Unterschiede sind da nicht immer so deutlich. Und manchmal nennt man die Flucht Auswanderung, auch da sind die Grenzen nicht immer so klar.

Doch wo setzen wir die Grenze zwischen dem, was wir akzeptieren und dem, wo viele die Leute am liebsten wieder dorthin zurückjagen wollen, wo sie herkommen? Ist der Millionär, der seinen Wohnsitz nach Monaco verlegt weil er dort weniger Steuern zahlen muss, nicht auch ein Wirtschaftsflüchtling? Oder gilt diese Bezeichnung nur für Menschen, die arm sind? Was ist mit dem Araber oder Iraner, der nach Deutschland kommt weil er gerne getauft werden will, was in seinem Heimatland schlimmstenfalls zu seiner Hinrichtung führen kann? Oft wird diesen Menschen unterstellt, das sei doch nur ein vorgeschobener Grund und in Wirklichkeit wollten sie von unseren Sozialsystemen profitieren. Oder nehmen Sie als Beispiel einen jungen Forscher, der nach seinem hervorragend abgeschlossenen Studium an einer deutschen Universität in den USA zieht, wo er deutlich mehr verdient, genauso wie die Ärztin, die ihre Praxis hierzulande schließt weil der Verdienst in der Schweiz besser ist. Ist das nicht auch eine Form der Flucht aus wirtschaftlichen Gründen? Wohl eher nicht, würden wir sagen. Vielleicht auch, weil wir es genauso machen würden. Doch wenn wir die Auswanderung aus unsrem Land wegen besserem Verdienst anderswo gutheißen, aber die Einwanderung in unser Land aus dem gleichen Grund nicht, dann messen wir mit zweierlei Maß.

Aber zurück zu der Geschichte von Rut und Noomi! Ein Wort, das nach unserem Verständnis gut in diese Erzählung passen würde, kommt überhaupt nicht vor. Nicht ein einziges Mal! Es ist das Wort Fremd. Anscheinend ist das für die Menschen, welche diese Erzählung niederschrieben, nicht so wichtig. Ob Noomi mit ihrer Familie sich im Land Moab niederlässt, ob Rut mit ihrer Schwiegertochter nach Bethlehem zieht, um dort zu bleiben: Dass sie dort Fremde sind, nicht zu den Alteingesessenen gehören, wird nicht weiter erwähnt. Wer die Geschichte liest weiß das natürlich, aber es ist nicht der Rede wert. Da kommen Menschen, die woanders in Not sind und sie dürfen kommen. Niemand regt sich darüber auf, niemand stellt ihre Integrationswilligkeit von Vornherein in Frage, niemand befürchtet Überfremdung, den Untergang des eigenen Volkes oder ähnliches. Zumindest wird davon nichts erzählt. Aber wenn es deshalb größere Probleme gegeben hätte, könnten wir bestimmt davon lesen.

Vielleicht haben Sie ja noch den Wochenspruch aus dem Lukasevangelium im Ohr, mit dem wir unseren Gottesdienst begonnen haben: „Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ Es geht um diejenigen, die kommen. Sie kommen von überall her und teilen miteinander den Tisch im Reich Gottes. Ja, die Bibel spricht öfters von Völkern und auch von den Unterschieden zwischen den Völkern. Sie bestreitet nicht, dass die Menschen im Laufe der Jahrtausende unterschiedliche Sprachen und Traditionen entwickelt haben, dass sie verschiedene Götter verehren. Doch sie errichtet daraus keine trennenden Mauern, sondern die Menschen, die Völker, werden zusammengebracht, nicht getrennt. Ob Noomi und Rut aus unserer Geschichte, die sich ohne große Probleme im Land der jeweils anderen niederlassen dürfen, ob die Sippe von Jakob, welche sich in Ägypten ansiedelt oder die bunt gemischten frühen christlichen Gemeinden, von denen wir in den Paulusbriefen lesen. Auch für Jesus ist der verbindende Glaube viel wichtiger als all das Trennende, seien es jetzt Kanaanäerinnen, Römer oder Samaritaner. Der Glaube ist es letzten Endes, der sie eint, das geht schon bei Rut los: Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.

Am kommenden Mittwoch gedenken wir der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 76 Jahren. Damit sollen wir uns erinnern was geschehen kann, wenn man die Grenzen zwischen Völkern und Religionen zu sehr betont. Dann wird der Andersgläubige oder die Fremde nicht mehr als Mensch angesehen, kann bedenkenlos umgebracht werden wie ein überzähliges Stück Vieh. Schlimm, dass so etwas noch im 20. Jahrhundert durch das angeblich kulturell so hochstehende Volk der Dichter und Denker geschah, schlimm, dass es im Lauf der Menschheitsgeschichte nicht der einzige Versuch war, ein Volk oder eine Religion auszurotten – anscheinend gibt es zu viele Menschen mit abgrundtiefem Hass auf andere. Und schlimm wenn es viele gibt, die daraus nicht gelernt haben, sondern auch heute noch menschenverachtende Sprüche kloppen oder Bilder verbreiten. An Albert Einsteins berühmtem Spruch über die Unendlichkeit der menschlichen Dummheit scheint viel Wahres zu sein.

Wir Christinnen und Christen aber sollten stets die biblischen Geschichten im Sinn haben. Auch Menschen aus anderen Völkern, mit anderen Glaubenserfahrungen werden aufgenommen in Gottes Volk. Und manche spielen sogar eine wichtige Rolle: Wenn man das Buch Rut weiterliest entdeckt man, dass Rut die Urgroßmutter des Königs David wird. Und David wiederum, so sagt es der ausführliche Stammbaum Jesu im Matthäusevangelium, ist ein Vorfahre Jesu. Ohne Rut also kein Jesus, kein Weihnachten, kein Ostern, keine Vergebung unserer Sünden durch Gott. Wie gut für uns, dass die Ausländerin Rut nach Bethlehem kommen durfte, um sich dort niederzulassen und heimisch zu werden!

Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext führt uns auf eine Hochzeitsfeier. Bestimmt kennen Sie diese Erzählung aus dem Johannesevangelium.

Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maß. Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister! Und sie brachten’s ihm. Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn. (Joh 2,1-11)

Wie schön, eine Hochzeit! Damals in Galiläa war es bestimmt so wie heute auch noch: Alles soll perfekt sein, damit man diesen Tag in denkwürdiger Erinnerung behält. Ein rauschendes Fest mit vielen frohen Gästen, die hoffentlich noch lange davon schwärmen. Und dann das: Der Wein geht aus! Peinlich, peinlich… Alle vorausschauende Planung, alles Bemühen hat anscheinend nichts genützt: Der Wein reicht nicht aus! Was für eine Blamage für die Familie. Und das, wo damals die ganze Großfamilie und auch das ganze Dorf eingeladen war und sich alle auf eine ausschweifende Feier freuten.

Wahrscheinlich haben Sie auch schon von solchen Pannen gehört oder sie miterlebt. Das Hochzeitsessen, das nicht schmeckt oder kalt serviert wurde, die zu spät gekommene Verwandtschaft, Streit über die Sitzordnung, Ärger über den Fotografen, weil immer Schatten auf den Gesichtern liegen bis hin zur Scheidung nach wenigen Monaten. Je mehr beachtet werden muss, um so größer die Ansprüche und Erwartungen sind, desto mehr kann auch schief gehen.

So eben auch hier, wo sicherlich auch schon viele Wochen im Voraus mit den Vorbereitungen begonnen wurde: Es reicht nicht. Der Wein geht aus bei der Hochzeit zu Kana. Jüdische Hochzeiten sind ohne Wein nicht vorstellbar. Wein in Fülle, das ist nicht nur das traditionelle Festgetränk, sondern auch ein Bild für das ewige Freudenmahl bei Gott, und so darf er bei einer Hochzeit nicht fehlen. Ausreichend Essen und Trinken gehören zu einer Hochzeit einfach dazu. Doch hier ist das Schlimme passiert: Der Wein geht aus.

Wie gut, dass Maria, die Mutter Jesu, da ist. Sie fühlt sich verantwortlich und handelt. Vielleicht ist sie eine Verwandte des Brautpaars, wir wissen es nicht. Auf jeden Fall weiß sie, was zu tun ist. Sie geht zu ihrem Sohn und sagt: „Sie haben keinen Wein mehr.“ Hinter dieser Aussage steht natürlich eine Aufforderung: Tu was dagegen! Dahinter steht auch die unausgesprochene Erwartung, dass Jesus das irgendwie kann. Wenn das doch immer so einfach wäre! Wie verlockend ist die Vorstellung, dass jemand die Sache in die Hand nimmt, die gerade gründlich schief geht. Dass die Krüge wieder voll sind, der Mangel beseitigt wird, die fröhliche Feier weiter gehen kann, ohne dass es die Gäste überhaupt merken. Doch Jesus spielt nicht mit: „Was geht’s dich an, Frau, was ich tue?“ Schroff weist er seine Mutter zurück. Jesus beseitigt nicht einfach den Mangel, und schon gar nicht auf Kommando. Er lässt sich nicht für die Zwecke der anderen einspannen, mag das auch noch so peinlich, der Anlass auch noch so wichtig sein. Eine Problemlösung auf Wunsch, aber sofort – so einfach ist das bei Jesus nicht.

„Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Das klingt rätselhaft, denn wann soll er helfen, wenn nicht jetzt, in diesem Moment der großen Blamage der Familien? Doch im Johannesevangelium ist die Stunde Jesu nicht die momentane Not, sondern seine Todesstunde. Dann erkennt die Welt, dass Jesus ganz unten und gleichzeitig ganz oben ist, da ist alles vollbracht. Also was denn jetzt: Warten bis zur Kreuzigung, wo doch jetzt die Feier stattfindet? Sollen die Gäste enttäuscht nach Hause gehen, die Familien blamiert zurückbleiben? Nein, so ist es dann doch nicht, auch wenn Jesus zunächst einmal so spricht. Denn diese Hochzeitsfeier ist ein Beispiel, sozusagen ein Appetithappen, der Lust machen soll auf mehr. Es ist mehr als nur eine Dorfhochzeit irgendwo in der Provinz. Die Freude über die Herrlichkeit, über die Auferstehung Jesu, sie ist hier bereits vorweggenommen in der Hochzeit zu Kana. Das Heil der Welt ist angebrochen, denn Jesus ist da. Deshalb verwandelt Jesus Wasser zu Wein, nicht um das Fest zu retten. So werden die Krüge voller Wasser, welches für die Reinigung gedacht war, zu Krügen voller Wein. Es geht ziemlich viel Wasser in die Krüge, mehrere hundert Liter werden es wohl gewesen sein.

Das Wasser, also der Alltag, wird zum kostbaren Wein, zum Festgetränk. Der Speisemeister ist verwundert, so guten Wein gibt es auf einmal und das, wo doch schon einige angetrunken sind. Auch gut, was soll’s, das Fest geht weiter! Sonst fragt keiner nach, wahrscheinlich hat es auch keiner mitbekommen. Das wäre auch ganz im Sinne der Familie, die so die Blamage umgeht.

Wir heute wissen woher der Wein kommt und so fragen wir nach, wollen der Sache auf den Grund gehen oder den Haken dabei finden. Zuerst ziert sich Jesus, dann macht er doch was Maria wollte. Der Wein ist wieder da, guter Wein sogar, das Fest geht weiter, den Gästen kann es egal sein woher der Wein kommt, Hauptsache er schmeckt.

Vielleicht war es ja den Gästen egal, aber dem Evangelisten Johannes nicht, sonst hätte er die Geschichte anders erzählt. Für Johannes ist wichtig: Jesus ersetzt den Mangel durch Fülle. Ja mehr noch, denn es ist kein Austausch, sondern eine deutliche Verbesserung. Aus Wasser, das Unreines abwäscht, ist nun kostbarer Wein geworden. Nicht zur äußerlichen Anwendung, nein, zum Trinken, zum Genießen. Die Fülle und Herrlichkeit Gottes ist spürbar im fröhlichen Fest, bei der Hochzeit. Der Alltag wird zum Fest, denn Jesus ist da.

Eine schöne Geschichte und nicht ohne Grund steht sie ganz vorne im Johannesevangelium. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn. Damit wird von Beginn an deutlich gemacht, wie die Leserinnen und Leser des Evangeliums das Wirken Jesu verstehen sollen: Als eine Vorwegnahme des Himmels auf der Erde, wenigstens ein bisschen davon. Solange Jesus da ist, feiern wir ein Fest, spüren wir den Himmel, der auf die Erde gekommen ist. So gesehen ist das auch eine Erinnerung an das Weihnachtsfest. Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende, nur weil genügend Wein vorhanden ist und die Hochzeitsfeier weitergehen kann. Sie geht immer weiter, bis zu uns heute. Auch wir feiern diese Hochzeit zu Kana mit. Seine Jünger glaubten an ihn, so endet dieser Abschnitt.

Es geht nämlich gar nicht mehr um die Hochzeitsgäste, um Braut und Bräutigam. Wir lesen auch nichts darüber, wie das Fest weiterging und ob diese Weinmenge nun ausreichte. Davon ist auszugehen. Aber letzten Endes ist die Hochzeit nicht der Kern der Erzählung, sondern sozusagen nur die Kulisse für das eigentliche Stück. Wir erfahren ja noch nicht einmal, wer denn da geheiratet hat. Es geht nicht um Braut und Bräutigam, es geht um Jesu Jünger, also auch um uns. Denn die Perspektive, aus der erzählt wird, ist die der Jünger. Jesus zeigte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn. Das ist ein zweites Wunder, eine zweite Verwandlung. Hier verwandelt Jesus Menschen. Aus ihrem Alltag sind sie herausgenommen, sind gefüllt mit Glaube, Hoffnung und Liebe, man könnte auch sagen, gefüllt mit dem Heiligen Geist.

Das ist nicht einfach nur ein bisschen mehr als vorher, eine kleine Änderung. Es geht nicht um die Beseitigung eines Mangels bei den Jüngern, als ob sie vorher nichts wert gewesen wären. Genausowenig wie Jesus nicht Einkaufen geht oder die Jünger schickt, um Wein zu besorgen, sondern das Vorhandene verwandelt. Weil Jesus da ist bricht etwas ganz Neues an. Menschen werden verwandelt, weil sie die Herrlichkeit Jesu und somit auch die Herrlichkeit Gottes erkennen. Verwandlung geschieht da, wo Menschen der Fülle begegnen, der Herrlichkeit Gottes. Menschen begegnen Jesus und indem sie an ihn glauben werden sie mit hineingenommen in Gottes Herrlichkeit, feiern mit beim großen Fest Gottes. Das steht hinter dieser Geschichte: Jesus ist kommen, der Grund ewiger Freude, wie es in dem alten Lied heißt.

Und warum braucht es dazu so ein Wunder? fragen Sie sich jetzt vielleicht. Reicht es nicht, wenn der Heilige Geist die Menschen einfach so erfasst, vielleicht durch eine packende Predigt Jesu?

Nicht alles lässt sich mit Worten ausdrücken. Es gibt Dinge, die sagen mehr als tausend Worte. Ein liebevoller Blick oder eine stürmische Umarmung bewirken viel mehr als so manche vollmundige Liebeserklärung. Mit Taten, nicht mit Worten, wird das Leben in all seiner Fülle spürbar. Deshalb gibt es bei den Sakramenten ja auch etwas zu sehen und zu spüren. Das Wort erklärt es, aber das Element – Wasser bei der Taufe, Brot und Wein beim Abendmahl - macht es erfahrbar. Spürbar wie ein Schluck Wein auf der Zunge. Jesus verwandelt hier Wasser zu Wein, er verwandelt das Leben der Menschen. Es passiert einfach, die Diener schöpften aus den Krügen, und sie schöpften den Wein, nicht das Wasser. Verwandlung lässt sich nicht herbeireden, sie passiert unbeschreiblich, unerklärlich. Unsere Suche nach passenden Worten würde nichts bringen, denn die Fülle, die Herrlichkeit ist nicht zu beschreiben, sie ist spürbar mit allen Sinnen.

Seine Jünger glaubten an ihn. Wir glauben an Jesus Christus, der uns verwandelt, weil wir so wertvoll und kostbar sind, dass er sogar sein Leben hingibt für uns. Von dieser Fülle können und sollen wir leben. Auch in Zeiten, wo uns etwas fehlt. Fülle statt Mangel durch unseren Glauben. Das kann uns die Kraft geben, uns für das Leben und die Liebe einzusetzen, die Fülle, die in uns ist, zu leben und zu teilen. Aus der Fülle des Glaubens stammt unsere Liebe, unser Engagement. Und wir bekommen diese Kraft, auch in schwierigen Zeiten wie diesen. Wie viele Verlängerungen des Lockdowns drohen uns denn noch? Wann verliert das Virus endlich seinen Schrecken? Wann können wir wieder leben wie wir es gewohnt sind – mit Kontakten, mit Festen und Feiern, mit Leben in der Gemeinschaft, nicht in der Isolation?

Ich weiß es nicht, liebe Gemeinde. Vielleicht haben wir Glück und dürfen und schon in drei, vier Wochen wieder in größeren Gruppen treffen, können bald wieder unsere Gottesdienste mit Gesang und Sakrament feiern. Vielleicht müssen wir auch noch ein gutes halbes Jahr durchhalten, bis genügend von uns geimpft sind und das Virus sich nicht mehr so schnell ausbreiten kann. Das ist lang, doch wir schaffen das, wenn wir Kraft und Hoffnung nicht verlieren. Die Kraft und Hoffnung aber können wir von Jesus bekommen. Auch in Zeiten des Mangels, wo anscheinend nur noch Wasser vorhanden ist, können wir die Herrlichkeit Gottes erahnen. Plötzlich schmeckt das Wasser wie Wein, plötzlich wird aus der Niedergeschlagenheit die Hoffnung, plötzlich verwandeln sich Tränen in Lachen.

Weil wir verwandelt sind, können wir im Glauben leben und das Leben annehmen und feiern, ob im lang vermissten Kreis der Gemeinde oder der hygienisch verordneten Distanz. Die Herrlichkeit Gottes braucht nicht die Nähe der Menschen, sondern die Nähe Jesu. Und der ist da, damals in Kana und auch heute in Drabenderhöhe und Umgebung. Amen

Liebe Gemeinde,

die erste Predigt des Neuen Jahres wird sich mit der Jahreslosung beschäftigen. Eine Jahreslosung verstehe ich als eine Art Motto oder Überschrift über das ganze Jahr. Doch leider haben wir sie meistens schon nach ein paar Wochen wieder vergessen. Das ist so ähnlich wie mit den berühmten guten Vorsätzen zu Silvester, von denen wir die meisten auch schon nach ein oder zwei Monaten aufgeben. Ich muss gestehen, dass mir das auch so geht, sowohl was die Vorsätze angeht als auch mit der Jahreslosung. Die kenne ich meist schon so gegen Ostern nicht mehr. So richtig scheint das also mit der Jahreslosung als Motto fürs ganze Jahr nicht zu funktionieren.

Aber wir wollen es dennoch wagen, jedes Jahr aufs Neue! Also widmen wir uns heute dem Vers aus dem Lukasevangelium, der als Jahreslosung 2021 ausgewählt wurde. Dort sagt Jesus zu seinen Zuhörerinnen und Zuhörern: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! (Lk 6,36) Das klingt zunächst einmal recht einfach. Doch was bedeutet das denn: Barmherzig sein? Dieses Wort kommt in unserem normalen Alltag nicht vor, es ist mittlerweile reine Kirchensprache. Ob es je anders war, weiß ich gar nicht. Würde ich willkürlich ausgewählte Menschen auf der Straße fragen, was Barmherzigkeit bedeutet, käme vermutlich von den meisten ein großes Achselzucken. Barmherzigkeit ist für die meisten ein rätselhafter, unbekannter Begriff. Das vergleichbare Wort Gnade kennt man, aber Barmherzigkeit gehört zu den Worten, die außerhalb der Kirchenmauern niemand nutzt und die V iele auch nicht verstehen. Was soll das also sein? Manche Begriffe erklären sich am einfachsten, wenn man sich das Gegenteil vor Augen führt. Das ist in diesem Fall die Unbarmherzigkeit. Ja, das kennen wir schon eher. Unbarmherzig ist vieles, die Unbarmherzigkeit begegnet uns oft, zu oft. Ob man über andere Menschen urteilt, ob man Schulden eintreiben will oder beim Spiel gewinnen möchte: Ohne Unbarmherzigkeit klappt das oft nicht, so meinen wir. Die Schwäche des anderen ausnutzen, unser Recht unbarmherzig durchsetzen. So und nur so kann man sich behaupten, so scheint es. Der mag erschrecken, doch ist es nicht so? Unsere Ellbogengesellschaft kennt Gewinner und Verlierer, das lernen wir schon früh. Auf der Verliererseite will verständlicherweise niemand stehen, deshalb werden wir unbarmherzig. Und was ist, wenn wir ein Auge zudrücken? Nur wenn der andere uns sehr sympathisch ist. Gnädig sein? Nur in wenigen Ausnahmefällen. Nachher wird uns das noch als weichherzig ausgelegt und das will man außerhalb der engsten Familie doch nicht sein. Womöglich werden wir dann ausgenutzt.

Nein, wir wollen deutlich zeigen, wo Macht und Recht sind, und dazu gehört nach unseren Spielregeln unbarmherzig zu sein. Man will keine Schwäche zeigen, das könnte sich ja nachteilig auswirken. So ähnlich denken wir oft und so wird es uns immer wieder vermittelt. Sei es in den Medien, im Beruf, der Schule oder im Privatbereich. Wer barmherzig ist, ist schwach, so scheint es. Schwäche aber wollen wir nicht zeigen, denn die könnte ausgenutzt werden, unserer Karriere schaden oder was auch immer. Zumindest solange wir das Recht auf unserer Seite haben, wollen wir von Barmherzigkeit wenig wissen.

Dem gegenüber steht die Jahreslosung: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! Ist also die Jahreslosung ein Aufruf, unrealistisch und weltfremd zu werden? Zu lieb und zu weichherzig für diese kalte, gnadenlose Welt? Das wird uns Christinnen und Christen schon seit fast 2000 Jahren vorgeworfen: Wir sind zu weich, zu verständnisvoll, nicht hart genug. Man muss sich doch durchsetzen, muss zeigen wo es langgeht, wer hier das Sagen hat. Fehlverhalten muss doch bestraft werden, um ihm Einhalt zu gebieten. Doch kommen wir mit dieser Einstellung weiter? Werden wir glücklich, wenn es nur noch darum geht zu zeigen, wer der Stärkere ist? Was ist denn, wenn wir jemanden begegnen, der stärker und mächtiger ist als wir. Beharren wir dann immer noch auf der Unbarmherzigkeit? Fühlen wir uns wohl in einer Welt, wo Nächstenliebe auf die eigene Familie und den engsten Freundeskreis beschränkt wird? Wo man immer so tun muss, als hätte man alles im Griff, als würde man selbst die Regeln bestimmen, nach denen es läuft? Selbst wenn in Wirklichkeit alles zusammenbricht, spielen wir diese Rolle.

Und was ist, wenn wir auf Barmherzigkeit angewiesen sind, weil wir, unsere Angehörigen oder unsere besten Freunde große Fehler gemacht haben? Dann müssen wir doch die gleichen unbarmherzigen Maßstäbe anlegen - oder etwa nicht? Wer unbarmherzig und gnadenlos ist, darf keine Ausnahme machen, sonst wird es ungerecht. Noch nicht einmal bei den Menschen, die wir lieben. An diesem Punkt aber gerät das alles ins Wanken. Denn was ist uns wichtiger: Die Liebe zu anderen Menschen oder die Unbarmherzigkeit der von uns selbst aufgestellten Regeln? Ich denke, die meisten würden sich dann doch für die Liebe entscheiden und damit der Forderung Jesu aus der Jahreslosung entsprechen. Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! Denn was für uns gilt, das gilt erst recht für Gott, unseren himmlischen Vater. Auch da haben wir die Barmherzigkeit nötig. Denn nach Recht und Gesetz würden wir alle mehr oder weniger heftige Strafen erwarten. Wie oft verstoßen wir gegen Gottes Gebote, missachten die göttlichen Gesetze? Sei es das Verbot des Neids, der Lüge, oder die Heiligung des Feiertags. Auch unser Umgang mit Gottes Schöpfung gehört sicher dazu, genauso auch die häufig nur sehr eingeschränkte Gastfreundschaft und Nächstenliebe. Da kommt Gottes Liebe zu uns Menschen ins Spiel und demzufolge auch die Barmherzigkeit. Es ist ja nicht so, dass wir von vornherein für unsere ganzen schlechten Taten begnadigt werden, dass alles durchgewunken wird, was ist und war. Also so eine Art Freibrief für das schlechte Verhalten. So ist es bei Gott nicht, glaube ich. Ich vermute, dass wir Gott, uns selbst und vielleicht auch unseren Nächsten gegenüber dazu Stellung nehmen müssen. Doch ich vertraue darauf, dass Gottes Barmherzigkeit weit größer ist als der Ruf nach angemessener Bestrafung. Und das nicht etwa, weil Gott so ein weicher Typ ist, der niemandem wehtun will und kann. Gott kann auch anders, so erzählt es die Bibel. Gottes Zorn und dessen schreckliche Folgen werden in der Bibel mehrmals erwähnt, aber diese Art der Erziehung seiner Menschen zum Besseren hat zu keinem Erfolg geführt. Genauso wie Schläge noch kein Kind zu einem besseren Menschen gemacht haben. Da haben die meisten Eltern mittlerweile dazugelernt und auch Gott hat an diesem Punkt gelernt, so lesen wir in der Bibel. Weil Gott uns liebt ist er barmherzig, das ist die Erklärung für unseren Straferlass. Und so sollen auch wir tun, sagt Jesus. Barmherzig sein aus Liebe, so wie Gott es mit uns ist. Ob wir die anderen immer so lieben, wie Gott uns liebt weiß ich nicht. Vermutlich eher nicht. Wir Menschen sind mit unserer Liebe sehr wählerisch. Doch das heißt nicht, dass wir unser Recht, unsere Forderungen nach Strafe immer durchsetzen sollen. Auch wir sollen barmherzig sein, sollen verzeihen und Gnade üben. Wir sollen Schluss machen mit der Spirale von Gewalt und Vergeltung. Schluss auch mit unserem Beharren auf Richtig und Falsch, das andere Meinungen immer weniger gelten lässt. Auch das haben wir in den letzten Jahren gespürt, sei es jetzt bei manch populistischen Politikern oder in dem Streit der Meinungen angesichts der Corona-Pandemie: Uns einfach unterhalten, Argumente austauschen und bei all dem den Gesprächspartner als Menschen ernst nehmen, auch wenn er anderer Meinung ist, wird immer schwieriger. Bis vor ein paar Jahren war ein Kompromiss eine gute Sache, weil man sich geeinigt hat und so den Streit verhindern oder beenden konnte. Heute hingegen, so habe ich den Eindruck, wird Kompromisslosigkeit als gute Eigenschaft angesehen und das nicht nur bei Politikern. Doch wer keine Kompromisse sucht, wer die eigene Sichtweise als die einzig Wahre ansieht und sie deshalb unbedingt durchsetzen will, der erntet Frustration, Streit und Wut. Es mag sein, dass so ein Verhalten Applaus bei den eigenen Anhängern gibt, doch was ist mit den anderen, die sich dann unbarmherzig behandelt oder zumindest nicht ernst genommen fühlen? So ist es auch bei der Corona-Pandemie: Man kann sicher über Sinn und Unsinn mancher Maßnahmen geteilter Meinung sein, aber darüber sollte man dann diskutieren. Es hilft jedenfalls nicht, wenn man das Virus verleugnet oder als Werkzeug einer gigantischen Weltverschwörung sieht. Das macht niemanden gesund. Und genauso wenig bringt es das Gespräch weiter, wenn man jeden Zweifel als Spinnerei abtut. Viele Sorgen um die eigene Zukunft oder die der Kinder sind durchaus berechtigt, wenn kein Geld mehr verdient wird, wenn Schulen oder Kindergärten über Wochen und Monate hinweg geschlossen sind. Genauso dass sich Einsamkeit und Depressionen in diesen Zeiten verstärken können. Weitgehende Distanz zueinander verringert gewiss die Ansteckungsgefahr, aber was ist mit der seelischen Gesundheit der Menschen, für die wir Kontakte zu anderen benötigen? Dazu gehören auch Gottesdienste und die Gemeinschaft in der Gemeinde. Auch über so etwas muss diskutiert werden, ohne sich gegenseitig nur die eigenen Standpunkte an den Kopf zu werfen und die andere Meinung als Blödsinn abzutun.

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist - das betrifft unser ganzes Leben. Und deshalb ist es als Jahreslosung eine gute Wahl. Es wäre nur schade, wenn es mit der Barmherzigkeit am 31. Dezember 2021 vorüber ist. So soll es ja nicht sein. Manchmal ist es einfach angebracht, etwas mehr über scheinbare Selbstverständlichkeiten nachzudenken. Dazu gehört auch die Barmherzigkeit. Und so verstehe ich die Jahreslosung als Denkanstoß, als Mahnung für unser ganzes Leben. Barmherzig sollten wir immer sein, nicht nur 2021, sondern auch im Jahr 2022 und darüber hinaus. Barmherzig zu allen Menschen, aber auch zu uns selbst. Das sollten wir nicht übersehen. Denn auch wir genügen nicht immer den eigenen Ansprüchen, das beginnt schon bei den guten Vorsätzen fürs neue Jahr. Seien wir also dankbar für Gottes Barmherzigkeit uns gegenüber und bemühen wir uns, es ihm gleich zu tun. Das wäre doch ein toller Vorsatz für 2021!

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Liebe Gemeinde, wenn ein so wichtiger Tag im Leben ansteht, wie es der heutige 11. Sonntag nach Trinitatis, für mich ist – dann macht man sich durchaus schon einige Zeit vorher so seine Gedanken welchen Inhalt wohl DIE Predigt haben könnte – oder wie es bei uns in der Prädikantenausbildung so schön hieß „DIE Predigt des Lebens“ haben wird. Möglichkeiten gibt es da ja ziemlich viele. Man hat die Qual der Wahl – schließlich gibt es zahlreiche Bibelstellen, die zum heutigen Tag gut passen würden, die mich in den vergangenen Jahren geprägt haben oder meine eigenen Gedanken zur Ordination spiegeln. In der Vorbereitung für den heutigen Gottesdienst habe ich viel über meinen Weg in den letzten 12 Jahren und die Menschen, die diesen mit mir gegangen sind nachgedacht. Und ja, ich bin in meinen Gedanken auch fündig geworden. Ich durfte viele beeindruckende Menschen in meiner Zeit hier in Drabenderhöhe kennenlernen, habe Freunde fürs Leben gewonnen und kann dankbar auf tausende Situationen – gute wie auch eher traurige - zurückblicken, die mich geprägt haben und heute hier so stehen lassen wie ich nun mal bin. Zum Höhepunkt der Prädikantenausbildung, im abschließenden Kolloquium stellte Herr Oberkirchenrat Schwab die Frage, mit welchem Bild wir unsere Tätigkeit in unseren Gemeinden beschreiben würden. Meine lieben Mitstudierenden hatten tolle und äußerst kreative Antworten parat, fast so als wären sie alle perfekt auf genau diese Frage vorbereitet gewesen. Bilder von voll gepackten Rucksäcken mit sämtlichen Inhalt, bunten Mosaiken, eng gespannten Netzen, Taschenlampen die das Dunkel in der Welt erhellen, Puzzleteilen die perfekt ineinander greifen, wurden zum Beispiel benannt und brachten auch mich zum Staunen. So saß ich dann da in Überdorf im Kölner Zimmer des Haus Wiesengrund, mal wieder ziemlich hoch schwanger in einer Prüfungssituation und etwas ratlos – schließlich hatten alle anderen gut vorgelegt und Herrn Schwab schon ziemlich von sich überzeugt. Meine Antwort lautete: „Mein Dienst in der Gemeinde gleicht einer Packung Buntstifte!“ Liebe Gemeinde, ich war wenn ich mich richtig erinnere ziemlich überrascht von meiner Antwort – je länger ich aber über diese Worte nachdenke, desto mehr weiß ich das diese Antwort kein Zufall oder gar nur nett daher gesagte Worte gewesen sind. In einer Packung Buntstifte sind nämlich viele Farben vertreten und wenn ich all diese Farben auf unsere Gemeinde und das gemeinsam Leben hier beziehe, brauchen wir tatsächlich jede einzelne davon ganz dringend. Das Blau ist wie das Wasser und gelichzeitig wie der Himmel. Als Zeichen und als Erinnerung an unsere Taufe bildet das Blau den Grundstein für unser christliches Denken und Handeln in unserer Gemeinde. Das Blau steht für die Tiefe unseres Glaubens. Das Gelb steht für die Sonne und die Helligkeit. Gäbe es die Freude in unserem Leben nicht, kein Lachen, kein Humor, keine gemeinsamen Erfolge und keine Gemeinschaft dann würden wir als Gemeinde einfrieren und das Wort Gottes würde einfach so an uns abprallen. Es könnte niemals in uns eindringen, wenn wir nicht all das Schöne und all die Menschen hätten, die unsere Gemeinde ausmachen. Da aber auch bei uns bei Weitem nicht immer alles glatt läuft oder „Friede, Freude, Eierkuchen“ ist und wir nicht nur auf der Insel der Glückseligkeit verweilen, brauchen wir auch dringend das Violett. Es steht für das Verzeihen, für das aufeinander zugehen und für den Neuanfang. Für den Neuanfang den wir als Christen immer wieder wagen dürfen, weil Gott uns begleitet. Von ihm bekommen wir die nötige Stärke und den Mut uns die Hände zu reichen, auch dann wenn wir es schwer miteinander haben. Durch unseren barmherzigen Vater wissen wir erst, was Vergebung bedeutet und wie wichtig Neuanfänge in unserem Leben sind. Ebenso brauchen wir aber auch die dunklen Farben. Das Schwarz verbinden wir oft mit Trauer und schmerzvollen Erlebnissen. Wir verbinden Schwarz oft mit Angst und Bedrohungen in unserem Leben. Auch das alles gehört zu uns Menschen. Ohne das Schwarz würde es keinen Kontrast in Form von Helligkeit geben können. Umso schöner, dass wir die Hoffnung im Grün finden. Die Farbe des Lebens schenkt uns die Zuversicht und den Glauben an die Auferstehung – an das neue Leben. Nun kommen wir zur wichtigsten Farbe – ohne die Bedeutung dieser Farbe könnten wir Menschen nicht existieren – ohne das Rot und die damit untrennbare Liebe könnten wir Menschen uns nicht begegnen, gemeinsam Dinge erreichen, Gemeinschaft und Gemeinde leben und wir könnten ebenso nicht am Reich Gottes bauen oder gar seine wundervolle Schöpfung bewahren. Das Rot ist für mich in seiner Bedeutung so sehr komplex wie auch lebensnotwendig, dass ich aus purer Überzeugung als Predigttext die folgenden Worte von Paulus an die Gemeinde in Korinth verwenden möchte: „Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen.“ Die Worte die wir vor allem durch so schöne Ereignisse wie Hochzeiten oder Taufen kennen, sind für mich der Grundstein für meinen Dienst hier in Drabenderhöhe und auch zumindest im Geiste für mein Leben. Ich gebe zu, dass mir das sicher nicht immer gelingt „nur in Liebe“ zu handeln. Auch dann nicht, wenn ich es mir felsenfest vornehme. Das ist menschlich und ich hoffe liebe Gemeinde, ihr kennt dieses Gefühl von dem ich da spreche. „Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen.“ Eine klare Aufforderung des Apostel Paulus am Schluss seines ersten Briefes an die Gemeinde in Korinth. Man könnte diese Worte auch einfach nur als netten Ratschlag auffassen – ich glaube aber Paulus fordert da ganz klar auf – schließlich ist die Liebe schon immer ein besonders wichtiger Wert des Christentums gewesen. Die Gemeinde in Korinth soll ihr Leben gemeinsam gestalten und den Weg gemeinsam beschreiten. Eben genau die Gemeinde, die von schweren Missständen geläutert ist und dringend die Unterstützung von außen benötigt. Wie gut, dass sich Paulus diesen Menschen in ihrer Notlage annimmt und diese Christen durch seine Worte stärkt. Er ermahnt und tadelt das Verhalten der Menschen – macht ihnen aber gleichzeitig unglaublichen Mut, in einer fast aussichtlosen Situation geprägt von Angst, Hass und Missgunst: „Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen.“ Das gesamte Leben von Christen soll von der Liebe bestimmt sein. Es geht hier nicht um eine Gabe aus Gnaden von Paulus an die Korinther, sondern um das bekräftigen der Basis allen menschlichen Handelns: alles was in Beziehungen, in Begegnungen von Menschen passiert – ob es gute Dinge oder schwierige Erlebnisse sind, ob wir dabei glücklich, traurig oder wütend sind, obgleich uns Dinge leicht oder schwer fallen, wir an unsere Grenzen stoßen, Dinge in Frage stellen oder aus Überzeugung für etwas eintreten: Alle diese Dinge sollen in der Liebe geschehen. Wir alle sind gefragt, liebe Gemeinde und das nicht nur heute, sondern an jedem einzelnen Tag unseres Lebens. Die Aufforderung Paulus´ gilt uns allen auch heute im Hier und Jetzt. An uns alleine liegt es wie unsere Beziehungen sich entwickeln, wie wir den Dingen gegenüber stehen wollen. An uns alleine liegt es, ob wir uns freuen möchten, die Dinge gelassen sehen oder ob wir uns einfach mal wieder ziemlich über etwas ärgern. Wir haben alle einen großen Spielraum, liebe Gemeinde: Wir können unser von Gott geschenktes Leben selber gestalten – mit unserem Handeln, unseren Gedanken, unseren Worten und unseren Gefühlen. Wer sagt denn, dass man nicht in Liebe streiten kann? Wer schreibt uns vor, dass neue Wege, Umbrüche und Veränderungen nicht auch durch Liebe möglich sind? Wer behauptet denn, dass man nicht auch Fehler als Mensch machen darf und dabei trotzdem gleichzeitig lieben kann? Schließlich ist die Liebe der Ursprung und das Ziel unseres Lebens. Der Apostel Paulus kann uns da ein gutes Vorbild sein von dem wir aufjedenfall eines mitnehmen können: wir können in und aus der Liebe heraus ermahnen, somit Verantwortung für unsere Familien, Freunde und Wegbegleiter zeigen und immer wieder zur Umkehr in Liebe aufrufen. Wir alle haben es selber in der Hand, auch wenn die Liebe uns von Gott gegeben wird. „Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen.“ So wird die Liebe für uns alle zur Berufung für unser gesamtes Sein auf Gottes Erde. Die Liebe ist das Schönste was wir einander geben können: in dieser Gemeinde, in unserem Zuhause, auf unserer Arbeit. „Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen.“ Wir Christen haben nicht nur den Auftrag in Liebe zu handeln, sondern ebenso sollten wir öfter darüber nachdenken, dass wir selber unermesslich geliebt werden und das eben nicht nur von unseren Partnern, Kindern, Familien und Freunden. Wann habt ihr Euch, liebe Gemeinde, das letzte Mal so richtig bewusst gemacht, dass ihr geliebt werdet? Wann habt ihr Euch, das letzte Mal so richtig geliebt gefühlt? Nur wenn uns dies bewusst ist, können wir die notwendige Kraft und den unerschütterlichen Mut aufbringen, unsere eigene Liebe in diese Welt hinein zu geben. Denn das ist mit Sicherheit nicht immer nur einfach. Ich bin froh und dankbar, dass ich durch die Liebe Gottes heute an diesem Punkt in meinem Leben angekommen bin und ja, dass ich heute hier sein darf. Der liebe Gott meint es gut mit mir – dessen bin ich mir bewusst. Ohne die Liebe Gottes hätte ich vermutlich nie diesen beruflichen Weg eingeschlagen und ich hätte vermutlich nicht alle diese wunderbaren Menschen kennen lernen dürfen, die mich begleiten und ein wichtiger Teil meines Lebens sind. Ich bin dankbar, dass sie alle diese Gemeinde mit mir gemeinsam bunt machen und in fröhliche Farben tauchen: diejenigen, die mir in den letzten 12 Jahren ihr Vertrauen geschenkt und mir viel zugetraut haben; diejenigen, die mich fordern aber vor allem fördern; diejenigen, auf die ich mich immer blind verlassen kann und die mich begleiten; diejenigen, bei denen ich echte Heimat und wahre Liebe finden darf – allen voran meine Familie; mein väterlicher Freund und allzeit verlässlicher Ratgeber, meine lieben Kollegen, unser wunderbares Kindergartenteam und last but not least unsere Jugendarbeit - die Zukunft unserer Gemeinde. Es fällt mir schwer, die Worte zu finden die passend beschreiben, was mir diese Menschen bedeuten und welchen Anteil sie daran tragen, dass ich heute hier so stehe. Vielleicht ist es auch einfach: die LIEBE! Die Menschen, die mir viel über die Liebe beigebracht haben und durch ihr DA-SEIN beweisen, dass man tatsächlich das erntet was man sät. Es braucht einfach viele Menschen um in Liebe, Stärke, in Geduld und mit Mut eine Gemeinde im Sinne Gottes und in der Nachfolge Christi leben zu lassen. Es braucht uns alle – jeden von uns mit seinen bunten Farben dafür! „Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen!“ Ich wünsche uns allen, dass wir nicht nur uns gegenseitig sondern allen Menschen denen wir begegnen mit Liebe entgegen kommen können. Ich wünsche uns, als lebendige Gemeinde, dass wir das Leben in all seinen Farben und Facetten kosten und ausprobieren können. In unserer Packung Buntstifte ist alles drin was wir dafür brauchen: Gelb für die Sonne, Grün für die Hoffnung, Blau für den Himmel und unsere Taufe, Violett für die Neuanfänge und Rot für die Liebe.

Mögen wir alle mit diesen Farben durch unser Leben gehen und es bunt gestalten. Mögen wir alle das Geleit Gottes immer wieder neu erfahren und spüren: Wir alle sind seine geliebten Kinder! So lasst uns in Liebe hinaus gehen in diese Welt und sie Bunt machen, Menschen in unserem christlichen Glauben ein Zuhause finden lassen und dafür sorgen, dass wir als Gemeinde Jesus Christi farbenfroh in die unendliche Weite leuchten können. Ich weiß nicht wie es Euch geht liebe Gemeinde – ich für meinen Teil kann nur aus Überzeugung sagen: Ja, ich bin bereit! Der Friede und die Liebe Gottes, welche höher sind als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Liebe Gemeinde,

der heutige Sonntag heißt offiziell Miserikordias Domini. In den deutschsprachigen Ländern nennt man ihn meistens den Sonntag vom guten Hirten. Davon hörten wir ja schon im 23. Psalm und der Evangeliumslesung. Bei für heute vorgesehenen Predigttext aus dem 1. Petrusbrief taucht der Hirte nur ganz am Schluss auf:

(1. Petr. 2, 21-25) Christus litt für euch und hat euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr seinen Fußspuren nachfolgen sollt. Er tat keine Sünde, kein Betrug fand sich in seinem Mund. Wenn er beschimpft wurde, erwiderte er die Beschimpfung nicht, wenn er litt, drohte er nicht sondern übergab es dem gerecht Richtenden. Er trug unsere Sünden selbst durch seinen Leib am Holz damit wir, wenn wir für die Sünde gestorben sind, für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seit ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe, nun aber seid ihr umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

Das klingt so ähnlich wie ein Psalm. Es könnte demnach ein Lied oder ein Gedicht sein. Ob der Autor des Briefs dieses Lied selbst gedichtet hat oder ob er ein ihm bekanntes Lied zitiert, wissen wir jedoch nicht. Nehmen wir es also als eines der ältesten uns bekannten Kirchenlieder.

Das Leid Christi soll uns Vorbild sein, so heißt es hier. In den Sätzen vorher kommt der Brief auf die Sklaven zu sprechen, die auch häufig leiden. Doch ich denke, diese Verse richten sich nicht nur an die Sklaven, denn Leid begegnet allen Menschen, damals wie heute. In diesen Corona-Zeiten leiden wir besonders, so habe ich den Eindruck. Allerdings ist es ein unterschiedliches Leiden: Die einen leiden darunter, dass sie vieles nicht machen dürfen, was ihnen Spaß macht. Andere leiden mehr darunter, dass sie ihre Familie oder ihre Freunde nicht sehen dürfen. Manche leiden vor allem unter den drastischen Einschränkungen der Wirtschaft: Behalten sie ihre Stelle, können sie sich Miete und Nahrung noch leisten, überlebt ihr Geschäft? Andere leiden auch darunter, dass die Familie seit Wochen auf engem Raum aufeinanderhockt. Da kommt es schon mal zum sprichwörtlichen Lagerkoller, man beginnt sich auf die Nerven zu gehen. Und alle miteinander haben Angst vor der Krankheit. Die einen fürchten um ihre Gesundheit, die anderen um die Gesundheit von Eltern oder Großeltern, Onkel oder Freundin. Man fragt sich, wie lange das noch so weitergehen soll und was wohl danach kommen wird. Wirklich fröhlich sind nur wenige, trotz des schönen Wetters. Aber auch das macht uns Sorgen, denn es hat schon seit fast zwei Monaten nicht mehr geregnet, was für März und April sehr ungewöhnlich ist. Und wir merken: Der Klimawandel geht bei Corona nicht in Quarantäne, sondern ist immer noch da. Er ist derzeit nur kein großes Thema in den Medien.

Der leidende Christus also als Vorbild in unserem Leiden, sei es nun das Coronavirus oder ein anderes Leiden. Denn die gibt es ja auch noch, das dürfen und sollen wir nicht übersehen. Die Sorgen, Nöte und Ängste, die uns vor vier oder fünf Monaten bedrückten, sind doch nicht verschwunden, nur weil etwas Neues dazugekommen ist. Seien es Krankheiten, Angst um die berufliche Zukunft, Sorgen um die Kinder, zerbrochene Beziehungen oder was auch immer unser Herz schwer macht. Darüber spricht nur keiner mehr, so wie uns ein Frühjahr ohne Regen dieses Jahr viel weniger erschreckt als im vergangenen Jahr. Nicht weil es weniger dramatisch sind, sondern weil uns anderes noch dramatischer erscheint.

Doch Christus als Vorbild im Leid. Klingt das nicht etwas platt? Ich glaube nicht, dass dies eine billige Ausrede ist. Vielmehr soll es uns zeigen, dass Christus, dass Gott uns versteht, auf unserer Seite steht. Christus kennt das Leid, er steht nicht darüber. Er selbst hat auch auf das Schlimmste gelitten, wurde verlacht, beschimpft, gefoltert und ermordet und hat durchgehalten.

Und wen sollten wir auch beschimpfen, wen verantwortlich machen? Wir sind doch nicht Donald Trump, der alle paar Tage einen neuen Schuldigen verkündet, anstatt seine Ohnmacht zu bekennen. Ja, das Virus ist sicher ein Feind der Menschheit, aber der ganzen Menschheit und nicht nur einzelner Staaten oder Völker. Und es ist ein Feind, der nicht mit Befehlen und auch nicht mit Waffen bekämpft werden kann. Es ist noch nicht einmal bestechlich. Darauf sind wir nicht vorbereitet. Unsere üblichen Lösungsversuche passen nicht und wir können auch niemanden zur Rechenschaft ziehen. Wir alle sind in diesem Leid vereint. Wir können nicht viel mehr machen als das, was wir schon tun – auch wenn es uns schwer fällt. Die einen sehnen ihr normales Leben zurück, die anderen ärgern sich, dass sie sich nicht so richtig dagegen wehren können, dass weder Stärke noch Geld hilft. Nur die Vermeidung von Kontakten hilft ein wenig und natürlich die Sorge um die Erkrankten. Alle zusammen leiden in unserer Angst und unserer Ohnmacht. Warum also sollten wir uns in unserem Leid nicht an Christus orientieren?

Da geht es nicht nur um Orientierung, es geht auch um Bewahrung. Für das Virus macht es keinen Unterschied, ob man gläubig ist oder nicht. Der Glaube und das Gebet bewahrt nicht vor Krankheit, wie manche fundamentalistischen Prediger – Christen und Muslime - ihren Gläubigen weismachen wollten. Aber es macht für uns einen Unterschied, wie wir diese leidvollen Wochen ertragen. Fühlen wir uns in unserer Hilflosigkeit und Einsamkeit von Gott und der Welt verlassen oder fühlen wir uns auch in solch schwierigen Zeiten von Gott bewahrt und umgeben? Sehen wir auch nach unseren Nächsten oder sind wir uns selbst der oder die Nächste? Wohin richten wir unsere Gedanken, was ist mit unseren Gebeten?

Der Petrusbrief schließt dieses Lied mit dem alten, aber immer noch sehr schönen Bild vom Hirten. Ein Bild, um das dieser ganze zweite Sonntag nach Ostern kreist: „Ihr wart wie irrende Schafe, nun aber seid ihr umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“ Der Begriff „Bischof der Seelen“ klingt für uns seltsam. Denn unter einem Bischof stellen wir uns nicht gerade jemanden vor, der sich intensiv um unser Seelenheil kümmert. Doch dieser Bischof ist kein Kirchenfürst, er steht über der Welt. Christus selbst als der Herr der Kirche ist hier gemeint: Ihr seid umgekehrt zu Christus. Ihr wart wie umherirrende Schafe, aber jetzt habt ihr einen Hirten, der sich um euch kümmert und den Weg weist. Einen guten Hirten, den besten den es gibt. Ein Hirte der Seelen. Und mehr noch als ein Hirte ist er zugleich Bischof der Seelen. Also jemand, der nicht nur aufpasst und sich kümmert, sondern auch noch verkündet, Trost und Hoffnung bringt.

Wie gesagt: Das Bild von Christus als dem Bischof der Seelen ist reichlich ungewöhnlich. Wir wissen auch nicht, woher der Schreiber dieser Zeilen das Bild hat. Vielleicht hat er sich überlegt, was für ihn einen idealen Bischof ausmacht, vielleicht war es in einer der damaligen Gemeinden ein geflügeltes Wort. Für uns jedenfalls ist es zwar ungewohnt, aber doch nicht so fremd, dass wir damit nichts anfangen könnten. Auf Lateinisch heißt Hirte Pastor. Christus als der Pastor der leidenden Gemeinde, der sich nicht nur um den richtigen Weg, sondern auch um die Seelen kümmert – damit können wir schon etwas anfangen. Nur das Wort Bischof irritiert etwas. Aber wenn man sich klar macht, dass zur damaligen Zeit ein Bischof in etwa das war, was heute ein normaler Gemeindepfarrer ist, rückt es dieses hohe Wort wieder zurecht.

Fassen wir also nochmals diese Verse zusammen: Jesus Christus geht uns voran, begleitet uns auch in Zeiten des Leids. Und nicht nur das: Er weiß, was Leid bedeutet, denn er hat es am eigenen Leib aufs Schrecklichste erfahren. Doch wie er mit diesem Leid umging, das kann uns auch heute ein Vorbild sein. Weder hat er versucht, sich daran vorbei zu mogeln, was sowieso nicht möglich wäre, noch hat er nach vermeintlich Schuldigen gesucht. Und was wir nicht vergessen sollten, auch wenn es mit Corona nichts zu tun hat: Die Last unserer Sünden nahm er mit sich ans Kreuz. Wir sind befreit, auch im Leid. Und wir stehen unter der Obhut des guten Hirten, der uns und unsere Seelen begleitet und bewahrt. Und das alles in guten und gerade auch in schweren Zeiten. Dafür können wir dankbar sein und getrost in die Zukunft blicken. Denn es wird ein Leben nach Corona geben, da bin ich mir sicher. Ich weiß nur nicht, wann es so weit sein wird.

Bis dahin aber können wir all das, was uns das Herz schwer macht unserem guten Hirten und Bischof unserer Seelen anvertrauen. Er kennt das Leid und er weist uns den Weg. Besser könnten wir es in dieser schweren Zeit gar nicht haben.

Liebe Gemeinde,

die vorgeschlagenen Textabschnitte für die Predigt stehen schon seit einigen Jahren fest. Und dennoch könnte man meinen, dieser Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja sei erst kurzfristig für unsere gegenwärtige Situation ausgewählt.

Doch hören Sie selbst: (Jes 40, 26-31): Hebt eure Augen auf in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er, der ihr Heer vollzählig herausführt und sie alle mit Namen ruft; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht einer von ihnen fehlt.

Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen und mein Recht geht an meinem Gott vorüber?“ Weißt du es nicht oder hast du es nicht gehört? Ein ewiger Gott ist der Herr, der die Enden der Erde geschaffen hat. Er wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und genug Stärke dem Ohnmächtigen. Jünglinge werden müde und matt , Männer stolpern und fallen, aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft: Dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Gott wird nicht müde. Und darum gibt er den Müden und Schwachen Kraft. Die auf ihn vertrauen werden stark wie Adler, sie werden nicht müde.

Das müssen - Nein: das sollen - wir uns gerade jetzt sagen lassen! Gerade jetzt, wo nach fünf Wochen Coronasperre so allmählich unsere Kräfte nachlassen. Bei den deutlich über das normale Maß beanspruchten Kräften in Krankenhäusern und Pflegeheimen sowieso, aber auch bei allen anderen. Wie lange sollen wir denn noch verzichten, sind überwiegend an unser Zuhause gebunden, können Verwandte und Freunde nur am Telefon sprechen? So vieles fehlt uns: Die Feier zum runden Jubiläum, der nette Abend im Restaurant, das Fußball- oder Handballspiel, der Besuch von Kino oder Zoo, die Umarmung der Enkel und nicht zuletzt der Gottesdienst. Und das alles, so hörten wir es am Mittwoch, noch mindestens zwei weitere Wochen, manches sicher noch länger. Da soll man nicht irgendwann Lust und Kraft verlieren!

Aber aufgeben ist keine Option. Ja, man könnte sicherlich alle diese Beschränkungen innerhalb von einigen Tagen aufheben. Doch um welchen Preis? Die Zahl der Neuinfizierten würde rapide ansteigen, bald darauf auch die der schwer Erkrankten und der Toten. Wollen wir das? Wohl eher nicht. Also müssen wir weiter durchhalten, bis die Experten grünes Licht geben. Das fällt uns schwer und wird von Woche zu Woche schwerer. Woher also nehmen wir die Kraft, was kann uns aus der Ohnmacht und der Verzweiflung heraus helfen?

Und da sind wir an unserem Predigttext angekommen, auch wenn die Verheißung des Propheten schon gut zweieinhalbtausend Jahre alt ist. An Aktualität hat sie in den vielen Jahrhunderten jedoch nicht verloren. Als diese Worte gesprochen und niedergeschrieben wurden, hatte der Prophet keine weltweite Epidemie im Blick, das ist klar. Aber die Folgen, die Lage der Menschen ist vergleichbar. Dem Prophet ging es damals um sein Volk, um das Volk Gottes. Das war scheinbar am Ende: Nach ungeschickter Politik des Königs und seiner Ratgeber wurde das kleine Königreich Juda von der Weltmacht Babylon erobert. Die tonangebenden Leute, also die Mächtigen, die Reichen und die Gelehrten, wurden in deren Hauptstadt verschleppt. Und dort, gut 1000 Kilometer von der zerstörten Heimat entfernt, saßen sie nun und ließen die Köpfe hängen: „Hat Gott uns verlassen? Oder sind etwa die Götter der Bayblonier mächtiger? So, wie ja auch ihre Stadt weit prachtvoller und gigantischer ist als unser kleines Jerusalem.“ Und so klagen sie: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen und mein Recht geht an Gott vorüber“ Bisher waren sie gewohnt, dass Gott sie aus dem schlimmsten Schlamassel immer wieder herausholt. Sie dachten immer wieder an die wundersame Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, sie erzählten sich, wie ein kleiner Haufen Flüchtlinge und Nomaden mit Gottes Hilfe die mächtigen Städte Kanaans erobern konnte oder träumten von der Macht und Größe des sagenhaften Königs David. Zuerst besiegte er als kleiner Junge den furchterregenden Goliath, dann schuf er mit List, viel Gespür für die Schwächen der anderen und Gottes Wohlwollen ein großes Reich. Das alles war zwar schon viele hundert Jahre vorüber, doch die Geschichten wurden immer noch mit leuchtenden Augen weiter erzählt. Und so dachten sie, wenn Gott unserem Volk damals geholfen hat, wird er das auch in Zukunft machen. Uns kann nichts geschehen, denn Gott steht an unserer Seite, damals wie heute. Doch nun das: Die große Katastrophe, vor der manche Propheten wie Jeremia gewarnt hatten, war eingetreten. Das Land ist erobert, der König umgebracht, Stadt und Tempel zerstört und sie sitzen jetzt klagend in Babylon, sind zum Gespött der Sieger geworden und spüren ihre Ohnmacht.

Und da spricht der Prophet zu ihnen: „Hebt eure Augen auf,“ sagt er. „Seht, wer all das geschaffen hat. Seine Macht ist so groß, dass er immer den Überblick behält. Er hat alles im Blick. Und auch wenn Männer müde werden und ins Straucheln geraten – wer auf Gott vertraut, bekommt neue Kraft.“ Vielleicht wenden Sie jetzt ein, dass das doch nur eine Durchhalteparole sei, um die Verzweiflung zu mindern. Ja, sicherlich ist es die Aufforderung durchzuhalten. Doch diese Aufforderung zum Durchstehen des Leids hat Hand und Fuß. Sie ist nicht grundlos. Auch dieses Mal lässt Gott sein Volk nicht im Stich. Es muss nur eine Zeit warten, bis es wieder voran geht. Damals, nach der Flucht aus Ägypten, musste das Volk 40 Jahre durch die Wüste ziehen, bevor es das verheißene Land erobern durfte. 40 Jahre, weil schon wenige Wochen nach der Flucht der Zweifel an Gottes Beistand wuchs. Schließlich machte man sich sogar ein goldenes Standbild, um es anstelle Gottes anzubeten. Sie kennen die Geschichte bestimmt. Deshalb sollte niemand der damals Erwachsenen das gelobte Land betreten dürfen. Und auch jetzt hatten die Mächtigen nicht auf Gottes Warnungen gehört, hatten die Stimmen der Propheten ignoriert. Die Kritiker wurden verfolgt, denn sie wollten unbedingt Recht behalten. Wer die Macht innehat, mag meistens keine Kritik hören. Daran hat sich nichts geändert. Und so dauert auch diese Zeit in Babylon lange, sehr lange. Fast 50 Jahre währte die Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Dann erst war die Rückkehr möglich. Zurück nach Jerusalem, das in Trümmern lag und wieder aufgebaut werden musste. Kein Wunder, dass man da Durchhalteparolen benötigt.

Nun hat das Wort Durchhalteparole einen negativen Klang. Man kann es auch Ermutigung nennen, andere hingegen würden es als billigen Trost bezeichnen. Wobei wir in diesem Fall wissen, dass es gut ausging, wenn auch erst für die folgende Generation. Und auch die musste ganz klein anfangen und aus den Ruinen wieder eine blühende Stadt erschaffen. Aber es bleibt die grundsätzliche Frage: Hätten sie es auch ohne solche Worte geschafft? Oder wären die Israeliten dann nicht untergegangen? Das geschrumpfte Volk Gottes – verschollen in der Großstadt Babylon. Möglich wäre dies gewesen, wenn es eben nicht solche ermutigenden Worte der Propheten gegeben hätte. Ja, die Aussichten waren alles andere als gut und man brauchte einen sehr langen Atem. Vor allem aber benötigte man sehr viel Gottvertrauen. Und darum geht es in den Worten des Propheten: Die auf Gott vertrauen, bekommen neue Kraft. Diejenigen, die nicht gleich resignieren, sondern aushalten, weil sie die Hoffnung nicht aufgeben. Es ist ein Appell, nicht den Kopf hängen zu lassen: „Hebt eure Augen auf in die Höhe!“ so beginnen diese Worte. Mit heutigen Worten ausgedrückt: Gebt nicht auf! Macht weiter! Gott hilft euch, aber zuerst mal müsst ihr durch diese schwere Zeit hindurch. Um das zu schaffen braucht und bekommt ihr Gottes Kraft. Und dann ist da noch ein kleines Wort, das leicht übersehen wird. Doch es ist in diesem Zusammenhang wichtig: Die auf den Herrn harren, heißt es in der Lutherübersetzung. Harren, also Warten ist dieses kleine, aber so wichtige Wort.

Auch wir brauchen Geduld. Gottes Hilfe kommt nicht sofort und auch nicht über Nacht. Haltet durch, habt Geduld, Gott gibt euch die Kraft die ihr braucht. Die Kraft zum Warten und die Kraft zum Weitermachen, zum wieder Anfangen, wenn die Einschränkungen endlich vorüber sind. Und ich bin mir sicher, dass es nicht zum Weitermachen wie vorher kommen wird. Nicht nur weil so viele Menschen weltweit an dem Virus erkrankt oder gar daran gestorben sind. Sondern auch weil etwas ganz wichtig wurde, was fast vergessen schien: Die Solidarität. Das Eintreten für die anderen, für die Schwächeren. Wir erleben in diesen Zeiten eine Wiederentdeckung der Gemeinschaft, der Solidarität. Das ist ein zutiefst christliches Verhalten, das aber auch in unserem angeblich so christlichen Abendland zusehends ins Hintertreffen geriet. Egoismus ist in der Konsum- und Spaßgesellschaft angesagt, aber keine Rücksichtnahme auf die Schwächeren. Doch was wäre, wenn wir rücksichtslos weiterleben würden, so als gäbe es gar keine Epidemie? Unsere Krankenhäuser wären überfüllt, auf den Friedhöfen wäre Hochbetrieb und irgendwann würde die Angst alles andere besiegen.

Doch auch dazu ist Jesus von den Toten auferweckt worden: Dass wir keine Angst mehr haben sollen. Denn der schlimmste Feind, der Tod, ist besiegt. Nicht so, dass niemand mehr sterben würde. Wir sind noch nicht in Gottes Ewigkeit angelangt. Aber so, dass der Tod nicht das endgültige Ende ist. Wir haben eine Zukunft auch nach dem Tod.

Und wir haben eine Zukunft nach Corona. Dafür müssen wir aber noch ein wenig ausharren, uns in Geduld üben. Das ist schwer, weil niemand weiß, wie lange denn noch. Zunächst hieß es bis zum kommenden Montag, jetzt sind es schon zwei Wochen mehr. Und was dann kommt, wissen wir noch nicht. Vielleicht ist die Ansteckungsgefahr bis dahin weitgehend gebannt, vielleicht überrascht uns eine zweite Infektionswelle und alles geht von vorne los. Niemand von uns weiß es. Was wir aber wissen ist, dass wir auch in all dem in Gottes Obhut geborgen sind. Und Gott gibt den Müden Kraft und gibt Stärke denen, die nicht mehr weiter können oder wissen. Dann können wir auffahren wie mit Adlersflügeln, laufen und wandeln ohne müde zu werden. Bis dahin aber harren wir in Geduld und bleiben trotz allem fröhlich. Denn Gott ist und bleibt an unserer Seite. Kein Grund also, den Kopf hängen zu lassen, so anstrengend und betrüblich diese Zeiten auch sind. Doch wir können uns sicher sein: Gott gibt uns Kraft zum Durchhalten. Auch diese Zeiten gehen vorüber, und es wird bestimmt nicht 50 Jahre dauern, wie damals in Babylon.

Liebe Gemeinde,

himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt, so begehen wir im Gedenken an Jesus die kommende Woche. Auf der einen Seite ist da der Einzug Jesu in Jerusalem, wir hörten es ja gerade im Evangelium. Von jubelnden Menschenmassen begleitet zieht er nahezu triumphierend in die Stadt ein. Und dann, nur ein paar Tage später, seine Hinrichtung am Kreuz. Jämmerlich hängt er da und stirbt, von niemandem bejubelt, von nur wenigen betrauert. So schnell ändert sich die Stimmung. Solch ein Stimmungswandel ist auch in unsrem heutigen Predigtabschnitt zu finden. Er findet sich im Markusevangelium, im 14. Kapitel.

(Markus 14, 3-9): Als Jesus in Betanien im Hause Simons des Aussätzigen war und zu Tische lag, da kam eine Frau herein, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem kostbaren Nardenöl. Und sie zerbrach das Gefäß und goss es über sein Haupt. Da sagten einige der Anwesenden empört zueinander: „Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte das Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen und das Geld den Armen geben können!“ Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: „Lasst sie! Was behelligt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch und wenn ihr wollt könnt ihr ihnen Gutes tun - mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan was sie konnte: Sie hat meinen Leib im voraus zu meinem Begräbnis gesalbt. Amen, ich sage euch: Wo immer das Evangelium verkündigt wird in der ganzen Welt, da wird auch von dem die Rede sein, was sie getan hat – ihr zum Gedächtnis.“

Eine fröhliche Runde sitzt da im Haus des Simon zusammen. Man isst, trinkt und freut sich auf das bald beginnende Passafest, das sie gemeinsam in Jerusalem feiern wollen. Plötzlich kommt diese Frau herein. Ein kostbares Gefäß hält sie in der Hand und darin ist eine noch kostbarere Flüssigkeit: Nardenöl, ein wohlriechender und sicherlich sehr teurer Import aus dem weit entfernten Indien. Alle sehen sie verwundert an. Doch dann folgt der Skandal: Sie zerbricht die edle Flasche und gießt das teure Öl auf das Haupt Jesu. „Was für eine Verschwendung! Die schöne Flasche, das teure Öl! Man hätte das Geld doch den Armen geben können!“ so die Empörung einiger Zeugen des Geschehens.

Das kann man ja auch verstehen. Stellen Sie sich mal vor, Sie haben eine Flasche wirklich teuren und sehr seltenen Parfums. Es gibt ja so manche Fläschchen, die kosten 100 Euro und mehr. Und dieses Parfum versprühen Sie, einfach mal so. Und das bei Menschen, die Sie nur vom Sehen und Hörensagen kennen. Was für eine Verschwendung! Und um das Ganze noch auf die Spitze zu treiben: Die geschätzten 300 Silbermünzen entsprechen heute, so las ich, etwa 20.000 Euro. Was für ein Geld, was für eine gewaltige Verschwendung!

Ja, manchmal sind wir verschwenderisch. Im Privaten sowieso, aber auch in der Kirche. Wussten Sie, dass ein normaler Sonntagsgottesdienst um die 1500 Euro kostet, wenn man den Stundenlohn für Pfarrer, Organistin und Küster und die Kosten für Reinigung, Heizung und Strom zusammenrechnet? Und was hat frühere Generationen wohl der Bau der Kirchen gekostet! Viele Kirchen wurden um einiges größer gebaut als man sie brauchte. Und dazu noch die oft prunkvolle Ausstattung aus wertvollem Material, oft gestaltet durch hochangesehene und gut bezahlte Künstler. Hätte es nicht auch ein schmuckloser Saal getan, den man vielleicht noch kostengünstig an den anderen Tagen der Woche für Versammlungen, als Festsaal, Kaufhaus oder Schule nutzen könnte? „Was für eine Verschwendung!“ könnte man ausrufen. Und das alles zur Ehre Gottes.

Man hätte das Geld den Armen geben können! Die Gäste im Haus des Simon und genauso wir heute wissen gut, was man mit fremdem Geld alles Gutes tun könnte. Aber steht da einer der Gäste auf, nimmt sich einen Korb oder einen Beutel und sammelt unter den anderen Gästen für die Armen? Und das wo Simon, der Gastgeber, sie sicherlich eingeladen hat. Die Kosten für die Mahlzeit haben sie also schon einmal gespart. Ja, die geschätzten 300 Silbermünzen waren ein kleines Vermögen. So viel hatte sicher keiner der Gäste. Aber einen kleinen Teil davon hätte so eine kleine spontane Kollekte schon ergeben. Doch auf diese Idee kam niemand von ihnen, nicht vorher und nicht nachher. Ob es bei der Diskussion in der Männerrunde wohl daran lag, dass dieses kostbare Öl im Besitz einer Frau war? Wir wissen es nicht und es hat auch keinen Sinn darüber zu spekulieren. Auch nicht, woher denn die Frau dieses Öl hatte.

Man könnte doch so viel Geld den Armen geben! So ist es derzeit ja auch wieder. Großkonzerne teilen dem Staat und den Medien mit, wie viele Millionen Finanzhilfe sie benötigen, um die Coronaschließungen einigermaßen unbeschadet zu überstehen. Große Ketten wollen die Miete für ihre Läden während der Zwangsschließung nicht zahlen. Davon kann der kleine Gastwirt oder Friseur nur träumen. Und dann sind da noch die von ganz unten, die Obdachlosen, die Empfänger von Sozialleistungen. Die haben es auch schwer: Keine Menschen mehr auf der Straße, die einem einen Euro in die Schale legen, auch viele Tafeln mit den preiswerten Lebensmitteln haben geschlossen, in den Supermärkten sind Reis und die billigen Nudeln seit Wochen ausverkauft und so weiter. Ja, man könnte viel Geld den Armen geben. Das gilt nicht nur heute und das galt nicht nur zur Zeit Jesu. Arme habt ihr immer bei euch, sagt Jesus und damit hat er Recht. Doch wo es Arme gibt, da gibt es auch Reiche. Wäre es anders, dann wären Vermögen und Einkommen auf alle Menschen gleich verteilt. Also gilt genauso: Reiche habt ihr immer bei euch. Und auch die könnten jederzeit etwas von ihrem Vermögen den Armen geben. Doch ich will jetzt nicht weiter darüber nachdenken, auch wenn es die Zeugen dieses Geschehens taten. Denn in dieser Geschichte geht es gar nicht um Armut und Reichtum, das ist nur ein Nebenthema. Hier geht es um Jesus, es geht um Verschwendung zur Ehre Gottes. Und es geht um die Vorankündigung des Todes Jesu.

Jesus bremst die Empörung seiner Freunde: Arme habt ihr immer. Aber mich nur noch eine kurze begrenzte Zeit. Und vor allem: Sie hat meinen Leib im Voraus für mein Begräbnis gesalbt.

Sie kennen bestimmt die Geschichte: In der jüdischen Tradition war es so, dass die Toten vor der Grablegung gesalbt wurden. Doch als der tote Jesus vom Kreuz abgenommen wurde, war dafür keine Zeit mehr. Denn es war kurz vor Sonnenuntergang, der Sabbat begann. Und als die Frauen dann mit zwei Tagen Verspätung nach dem Sabbat die Salbung nachholen wollten, fanden sie das leere Grab. Die traditionelle Salbung nach dem Tod fiel also aus, dafür gab es diese Salbung vor dem Tod. Und diese Salbung hat auch noch eine doppelte Bedeutung. Einerseits eine vorweggeholte Salbung des Toten. Das weist uns hin auf das Wort des Engels am Grab: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Und andererseits zeigt es uns, wie wir Jesus verstehen sollen. Nämlich als den Gesalbten, auf Hebräisch den Messias, auf Griechisch den Christus. Deshalb wohl auch das sündhaft teure Öl. Ein Öl, das für eine normale Leichensalbung viel zu kostbar ist. Genutzt wurde es aber beispielsweise für die Salbung von Königen anlässlich ihrer Krönung. Diese Salbung Jesu ist also eine doppelte: Zum einen weist sie auf seinen baldigen Tod hin. Zum anderen zeigt sie den Zuschauern und den späteren Lesern des Evangeliums auch, wer dieser Jesus aus Nazareth ist. Er ist der Gesalbte, der Christus.

Das alles klingt jetzt vielleicht ein wenig kompliziert, vielleicht sogar verwirrend. So vieles kommt da zusammen. Doch im Markusevangelium beginnt mit dieser kurzen Erzählung die Passionsgeschichte, also die letzte Lebenswoche Jesu. Und deshalb weist die Geschichte auf die drei wesentlichen Punkte dieser Woche hin: Zunächst einmal die Begeisterung am Palmsonntag, wo der Jubel der Massen Jesus umgibt. Auch die Gäste im Haus des Simon werden bei bester Stimmung gewesen sein, bis Jesus mit seiner Bemerkung zu der Salbung ihnen die Stimmung verdarb. Als zweites der Tod am Kreuz. Tote wurden gesalbt, darauf weist auch Jesus mit seiner Bemerkung hin. Und schließlich die Auferstehung. Jesus wird nun deutlich der Gesalbte, der Messias oder Christus.

Viele Facetten sind das in einer kurzen Episode. Wenn man in dieser Geschichte nach einer Art rotem Faden sucht, dann ist das wohl das teure Öl. Zunächst dient es der Salbung Jesu, dann wird es Thema der Empörung und schließlich weist es hin auf das, was kommt: Der Tod und die Auferstehung.

Und die namenlos bleibende Frau, die Hauptakteurin dieses Geschehens? Sie sprach kein Wort, zumindest ist uns keines überliefert. Sie kommt herein, gießt das teure Öl auf Jesus Haupt, hört sicher die empörten Kommentare und vermutlich auch noch Jesu Worte. Und dann verschwindet sie wieder im Rätselhaften. Wir wissen nichts über sie. Aber der letzte Satz unseres Predigtabschnitts, der bleibt: „Wo auch immer in der Welt das Evangelium verkündigt wird, wird auch erzählt werden, was sie getan hat.“ So ist es, liebe Gemeinde. Wir hören von der Tat einer Namenlosen, die bewahrt wird bis heute. Doch wer sie war, warum sie dies tat und woher sie das Öl hatte, das werden wir nicht klären können. Wozu auch? Vielleicht – keiner weiß es – war sie auch ein Engel, eine Botin Gottes. Möglich ist auch dies, alles bleibt im Bereich der Vermutungen und Phantasien. Wichtig ist bei all dem nicht das Woher und Warum, sondern dass sie die einzige war, die Jesus die gebührende Ehre erwies. Er ist der Gesalbte, der Christus im Leben, im Sterben und in der Auferstehung und das zeigte sie deutlich. Dass die anwesenden Gäste dies alles nicht begriffen, sondern sich in Diskussionen über diese Verschwendung verloren, ist nicht weiter erstaunlich. Denn wenn wir ehrlich sind müssten wir zugeben: Wir hätten es wohl auch nicht begriffen, wir hätten uns auch über diese Verschwendung aufgeregt. Doch wie vorhin gesagt: Es war eine Verschwendung zu Ehren Gottes. Und für Gott sollte uns doch nichts zu teuer sein. Oder was meinen Sie?

Liebe Gemeinde,

als Predigttext gibt es heute drei kurze Verse aus dem Hebräerbrief. Mehr nicht. Dort sind sie im 13. Kapitel zu finden. Die Worte machen uns deutlich, dass es nur noch zwei Wochen bis zum Karfreitag sind, die Passionszeit nähert sich ihrem Ziel. TEXT (Hebr 13, 12-14): Darum hat auch Jesus, um das Volk durch sein eigenes Blut zu heiligen, vor dem Tor gelitten. So lasst uns zu ihm hinausgehen vor das Lager und dort seine Schmach auf uns nehmen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Das ist ein seltsamer, schwer zugänglicher Abschnitt der Bibel. Zunächst ruft er wahrscheinlich ein großes Fragezeichen hervor: Was soll das? Wieso draußen vor dem Tor? Warum hinausgehen vor das Lager? Und was hat das mit der bleibenden Heimat zu tun? Und selbst wenn man das ganze Kapitel lesen würde, was ich Ihnen heute erspare, würden diese Fragen bleiben. Der Hebräerbrief, verfasst von einem uns namentlich nicht bekannten Autor, gehört mit der Offenbarung des Johannes wohl zu den am schwersten verständlichen Büchern des Neuen Testaments, wenn nicht der ganzen Bibel.

Dahinter stehen Vorstellungen und Bilder, die uns fremd sind. Das geht los mit dem Opfer: Jesu Kreuzestod ist ein Opfer außerhalb des Tempels, dieses Opfer findet nicht auf dem Altar statt. Und damit verlässt Jesus und mit ihm die Christinnen und Christen die jüdische Tradition und Glaubenswelt. Während für Paulus das Judentum die Wurzel des christlichen Glaubens ist, zieht der Hebräerbrief eine deutliche Trennung zwischen Juden und Christen. Darum also das Opfer außerhalb des Tempels, vor den Toren der Stadt. Dort, wo nach jüdischer Sicht der unreine Bezirk beginnt, findet das große Opfer Jesu statt. Dort fließt sein Blut, also der Saft des Lebens. Ein Opfer am unreinen Ort, ein Opfer zur Heiligung der Welt, aber eben ein Opfer das nicht in den Rahmen passt. Denn die Welt der Christen ist vor allem außerhalb der Stadttore zu finden, so sieht es der Schreiber dieser Zeilen. Und wir Christinnen und Christen sollen diesem Beispiel folgen, wir sollen ebenfalls die Sicherheit der Stadt verlasen. Wir sollen ihrer scheinbaren Heiligkeit den Rücken kehren. Wir haben hier keinen dauerhaft heiligen Ort, keinen Platz, wo uns das Heil gewiss wäre. Diese Sicherheit gibt es nur im Reich Gottes, nicht aber hier auf der Erde, wo wir leben. Auf heilige Orte, so sagt der Autor, müssen wir Christenmenschen verzichten. Und so sieht der Hebräerbrief uns in der Nachfolge des wandernden Gottesvolks, das seine Heimat noch nicht gefunden hat. Wir sind unterwegs zum Reich Gottes, wir sollen uns nicht behaglich einrichten. Denn – so könnte man zusammenfassen – unser Leben hier ist vorläufig, es ist weder endgültig noch heilig. Das alles kommt erst noch im Reich Gottes, zu dem uns Jesus Christus durch seinen Tod am Kreuz die Tür geöffnet hat.

Soweit eine kurze Erklärung dieser Verse in ihrem Zusammenhang. Ich befürchte nur, das wird Ihnen nicht reichen. Was sollen wir damit anfangen? Wo betrifft uns das in unserem Leben, im Hier und Jetzt? Und wie können uns diese Verse in den Zeiten von Corona helfen?

Zwei Sätze sind es, die mich hier besonders ansprechen: „Lasst uns hinausgehen vor das Lager“, so lautet der erste. „Hinausgehen? Schön wär´s!“ denken jetzt sicher einige von Ihnen. Im Moment fühlt man sich doch weitgehend eingesperrt. Hinausgehen sollen wir nach Möglichkeit doch nur, wenn es dringend notwendig ist. Und sowieso nicht, um andere Menschen zu treffen. Das gemütliche Schwätzchen im Park mit zwei oder drei anderen ist genauso untersagt wie der Besuch der Familie hier im Haus. Und auch für die Menschen, die nicht im Heim wohnen, ist es derzeit schwer. Wie will man denn Kontakte pflegen, wenn man sich nicht nahe kommen soll? Wohin kann man gehen, wenn bei jeder Begegnung mit einem anderen die Angst vor der Ansteckung mit dabei ist? Hinausgehen, Kontakt zu anderen ist im Moment für viele von uns Teil der Vergangenheit und hoffentlich auch einer baldigen Zukunft, aber es gehört nicht zu unserer Gegenwart. Es ist eine seltsame, beängstigende Situation, für uns alle ist das etwas absolut Neues. „Haltet euch von einander fern“ ist eine Mahnung, die wir so nicht kennen. Wir sind es doch gewohnt in Zeiten von Not und Gefahr zusammenzurücken. Aber jetzt eben nicht. Und wir wissen auch nicht, wie lange dieser seltsame Zustand noch andauern wird. Vielleicht noch drei Wochen, vielleicht auch fünf oder acht. Und wird alles danach sein wie vorher? Ich vermute nicht. Manches wird sich ändern; in der Politik, der Wirtschaft aber auch bei uns Menschen. Was sicher kommen wird ist die Erkenntnis, dass Gesundheit, dass das Leben ein Geschenk und keine Selbstverständlichkeit ist. Wir wissen das, doch wir leben oft nicht danach. Das bedeutet auf der anderen Seite der Medaille aber auch, dass Krankheit und Tod wieder mehr ins Bewusstsein rücken. Das sind dann keine Themen mehr, die verschwiegen werden, über die man nicht spricht, denn sie gehören zum Leben dazu. Um es plakativ zu sagen: unsere Bequemlichkeit, unsere scheinbare Sicherheit bekommt Risse. Ja, auch unser Leben hier im reichen und scheinbar so gut abgesicherten Deutschland hat Unsicherheiten, es ist nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen. Das Virus kann alle treffen: Reiche und Arme, Fremde und Einheimische, Sportskanonen und Stubenhocker. Wir sind uns gleicher als viele es wahrhaben wollen, vor allem in der Begrenztheit unseres Lebens.

Und damit sind wir bei dem zweiten Satz aus diesem kurzen Predigtabschnitt, der mich anspricht: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Unser Leben ist vorläufig. Was wir hier erleben ist nicht die Ewigkeit. Was wir hier schaffen, ist nicht von Dauer. Wir suchen nach Beständigkeit, nach Verlässlichkeit, doch die finden wir nicht. Wir finden und erschaffen nur Vorläufiges. Das hält bestenfalls unser Leben lang, aber nicht viel länger. Und ob alles, was wir uns in jungen Jahren erträumen und aufbauen möchten, wirklich zu unseren späteren Lebensjahren passt? Vielleicht wird ja alles ganz anders, macht uns das Leben einen Strich durch unsere Pläne. Denn auch für das Leben gilt: Ein Wunschzettel ist keine Bestellliste.

Da sind wir schon wieder bei diesen Bibelversen angelangt! Verlasst das Lager, geht hinaus aus der scheinbaren Sicherheit, geht hin zu Jesus Christus. Um hinaus zu gehen braucht man Mut. Und das nicht nur in diesen Zeiten, wo jeder unnötige Schritt vor die Haustür vermieden werden sollte. Man braucht ihn auch sonst, denn man verlässt damit die Sicherheit der gewohnten Umgebung, der festgelegten Abläufe, der Rituale und Regeln. Der Weg hinaus ist immer ein Weg ins Ungewisse. So ganz genau weiß man nicht, was kommt und was einen erwartet. Doch dieser Weg ist nicht nur etwas für furchtlose Abenteurer. Es ist der Weg, der uns Christenmenschen gegeben ist. Hinaus aus dem Trott, aus der scheinbaren Sicherheit, hin zu Christus und hin zu den Menschen seines Geistes.

Wir haben hier keine bleibende Heimat, sagt der Hebräerbrief und das hören wir nicht so gerne. Denn wir brauchen unsere Heimat, wir wollen ein Zuhause haben. Etwas worauf wir uns verlassen können, ein Ort, an dem wir uns wohlfühlen, wo alles gut ist. Das ist gut verständlich und diesen Ort haben wir auch. Doch es ist nicht der, den wir dafür halten. Keine stabilen Mauern, keine Absicherungen, keine gut gefüllten Konten oder ähnliches. Unsere Heimat ist bei Gott. Das Gottesvolk – also die versammelte Christenheit – ist unsere Nachbarschaft.

Das ist sicher eine für die meisten ungewohnte Sichtweise. Doch gerade wir Christinnen und Christen sollten sie kennen. Was wäre denn gewesen, wenn Petrus, Johannes und all die anderen Jünger dem Ruf des Mannes aus Nazareth nicht gefolgt wären? „Och nö, wir bleiben lieber zu Hause, da ist es so schön!“ Und was, wenn Paulus und die vielen anderen, meist unbekannten Missionare der frühen Christenheit, sich nicht aufgemacht hätten, um die Botschaft des auferstandenen Christus zu verkünden? „Was soll ich denn in der Fremde? Da kenn ich mich doch gar nicht aus!“ Es klingt vielleicht ungewohnt, doch christliches Leben und sesshaft werden passt nicht so ganz zusammen. So schön es auch ist, wenn man ein gemütliches Zuhause hat: Die Gefahr dabei ist, dass man bequem und engstirnig wird. Dann fehlt der Blick für das Ganze, dann fehlt der Mut zu Neuem. Dann wagt man keine neuen Schritte, hin zu den Menschen und in der Nachfolge Jesu. Vielleicht auch deshalb der Hinweis des Hebräerbriefs: Wir haben hier keinen Platz für immer, sondern unsere Zukunft ist an einem anderen Ort. Man könnte auch sagen: Bleibt beweglich, zumindest im Geiste, seid bereit, Neues auszuprobieren, habt Mut zum Risiko. Das ist auch gar nicht so schlimm, denn Gott bleibt an eurer Seite, wenn ihr euch aufmacht. Das klingt verheißungsvoll, auch wenn manch einer nur ungern die gewohnten Pfade verlässt.

Aber wie soll das in diesen Tagen und Wochen gehen, wenn wir doch gehalten sind, möglichst nicht hinauszugehen? Da bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als unsere Gedanken auf die Reise zu schicken. Wir dürfen lesen, ob auf Papier oder im Internet. Wir können über Radio und Fernsehen neue Eindrücke und Sichtweisen bekommen – es muss ja nicht nur das Unterhaltungsprogramm sein. Wir können telefonieren oder uns über den Gartenzaun oder den Vorgarten hinweg unterhalten. Wir können auch schreiben – Briefe, e-Mails oder anderes wie Tagebücher. Und schließlich ist da auch noch das Gebet, also das Gespräch mit Gott. Das ist immer möglich, dafür braucht man weder technische Hilfsmittel noch eine offene Tür nach draußen.

Völlig isoliert sind wir also nicht. Uns fehlt nur die Gemeinschaft von Angesicht zu Angesicht. Da müssen wir durch, so schwierig das manchmal auch ist. Aber ganz allein sind wir bestimmt nicht, selbst wenn uns ein Händedruck oder eine liebevolle Umarmung fehlt. In Gedanken oder – der Technik sei Dank! - aus der Ferne sind wir mit unseren Lieben verbunden und mit Gott können wir sowieso jederzeit sprechen.

Und sonst? Sonst freuen wir uns auf die Zukunft in doppelter Weise: Zum einen auf die Zukunft in unserer wahren Heimat, nämlich dem Reich Gottes. Dann sind wir nicht mehr heimatlos, sondern dort haben wir unser eigentliches Zuhause. Dort endlich haben wir etwas Bleibendes. Und zum anderen können wir dem Tag entgegensehen, an dem die ganzen Beschränkungen wegfallen, weil das Virus in seine Schranken gewiesen wurde. Noch wissen wir nicht, wie lange das dauern wird und wie viele bis dahin erkranken. Aber es wird kommen und dann können wir wieder hinausströmen und miteinander feiern. Bis dahin aber können wir Kontakt halten so gut es geht und vielleicht auch das erledigen, zu dem wir sonst nicht kommen. Und so schlecht ist es auch nicht, wenn inmitten der üblichen Hektik alles einmal zur Ruhe kommt. Auch so hat der weitgehende Stillstand seine guten Seiten. Amen

Liebe Gemeinde,

„Freuet euch,“ das ist die Übersetzung für den Namen des Sonntags Lätare. Und so beginnt auch unser heutiger Predigttext aus dem Buch des Propheten Jesaja, dort zu finden im 66. Kapitel:

Freuet euch über Jerusalem und jubelt über sie, alle, die sie lieben. Jauchzt in Freude mit ihr; ihr alle, die über sie trauern. Denn nun könnt ihr saugen und satt trinken an den Brüsten ihres Trostes, dass ihr reichlich saugt und euch erfreut an der Fülle ihrer Herrlichkeit. Denn so spricht Gott: Siehe, ich wende ihr zu Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Ja, in Jerusalem werdet ihr getröstet werden. Ihr werdet es sehen und euer Herz soll sich freuen, eure Gebeine sollen sprossen wie das grüne Gras. Und man wir erkennen die Hand Gottes an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden. (Jes 66, 10-14)

Freude und mehr noch Trost ist das Thema dieses Sonntags in der Mitte der Passionszeit. Und was ist für Kinder tröstlicher als die Nähe zur Mutter? Wohl deshalb wählt der Prophet dieses Bild für sein Trostlied. Die schweren Zeiten sind vorbei, man findet Trost in der Stadt, die wieder zu neuem, guten Leben zurückkehrt. Einem Leben voll Frieden, Geschäften und Geschäftigkeit. So weit sind wir, liebe Gemeinde, noch nicht. Bei uns haben die schweren Zeiten der Coronakrise anscheinend erst angefangen. Und so brauchen wir noch viel Geduld und gerade deshalb besonders viel Trost. Das, was unser Leben lebenswert macht, ist gerade mächtig eingeschränkt: Keine netten Stunden in fröhlicher Runde, keine Besuche bei den Lieben, kein Einkaufsbummel, keine Pause im Café, kein Schwätzchen im Park oder was unser Leben sonst noch bereichert, weil wir unter Leute kommen. Nicht zusammenrücken sollen wir, wie wir es sonst in schweren Zeiten gewohnt sind. Nein, auseinanderrücken ist das Gebot der Stunde. Damit das Virus sich nicht ungehindert verbreiten kann, damit nicht alle angesteckt werden. Es sind schon seltsame Zeiten, in denen wir leben.

Doch auch diese Zeiten keine Zeiten der Hoffnungslosigkeit. Denn wir wissen, es geht vorüber. Wir wissen nicht, wie lange es dauert, wir wissen nicht, wie viele Menschen daran erkranken, wie viele daran womöglich versterben. Dazu kann im Moment kein Wissenschaftler und kein Politiker eine realistische Antwort geben. Wir wissen nur, dass wir mit einem möglichst umfassendem Stopp unserer Kontakte zu anderen Menschen das Virus eindämmen können. Und damit bewahren wir hoffentlich viele vor schwerem Leid und Tod. Dass wir dafür vieles von dem was wir gerne tun für einige Zeit aufgeben müssen, ist eine ärgerliche aber wohl notwendige Begleiterscheinung. Denn es will ja auch niemand von uns Schuld sein an Krankheit und Tod anderer, nur weil man leichtfertig weitergelebt hat als wäre nichts. Und so suchen wir in diesen Zeiten nach Zeichen der Hoffnung, suchen nach dem, was uns Kraft und Trost geben kann. Vielleicht gehört ja dieses Trostlied des Propheten dazu. Ihr dürft euch satt trinken an den Brüsten des Trostes, auf den Armen wird man euch tragen und auf den Knien liebkosen. Der Frieden ist ausgebreitet wie ein Strom, die Menge der Völker wie ein voller Bach, euer Herz wird sich freuen. Mag sein, dass manche dieser Bilder uns zunächst einmal fremd sind. Die Bildersprache des Orients vor zweieinhalbtausend Jahren ist nicht die gleiche wie unsere heute. Doch es ist zu spüren, was uns diese Bilder sagen wollen. Wir können uns vorstellen, wir tröstlich die Brust der Mutter für das traurige Kind ist. Wir sehen vor unserem inneren Auge den Frieden wie einen großen Strom dahinfließen und sehen die Menge der Völkerscharen fröhlich herankommen wie einen bis an den Rand gefüllten, murmelnden Bach. Das alles sind alte, aber schöne und größtenteils verständliche Bilder. Und wenn die Bibel in Bildern spricht, dann hat das immer mit Gott zu tun. Wie auch können wir anders von Gott sprechen als in Bildern? In diesem Fall tröstet Gott seine Menschen wie eine Mutter ihre Kinder. Das ist eines der schönsten Gottesbilder wie ich finde. Denn Gott ist nicht nur der allmächtige, der Furcht und Schrecken verbreitet. Das haben wir zwar so verinnerlicht, doch kommt diese Seite Gottes in der Bibel eher selten vor. Der liebevolle, der tröstende Gott ist viel mehr der Gott der Bibel. Und das passt auch zu Gott als dem Vater Jesu Christi. Auch Jesus hat Liebe gepredigt und gelebt und nicht etwa Angst und Schrecken. Gott als tröstende Mutter, an deren Brust wir hängen. Dieses Bild mag manchen irritieren, der oder die eine andere Gottesvorstellung hat. Das ist auch verständlich. Doch Gott ist weder männlich noch weiblich. Und wie könnten wir Gott anders beschreiben als in Bildern, anders von ihm sprechen als in unserer Sprache, ihn anders denken als mit dem, was wir uns mit unserer Phantasie vorstellen können? In diesem Bild geht es nicht darum, ob Gott Mann, Frau oder irgendetwas anderes ist. Hier geht es um das Bild des Trösters oder der Trösterin Trost ist unser heutiges Thema, nicht Mann oder Frau. Und Trost haben wir bitter nötig, gerade in schweren Zeiten, so wie jetzt. Das Virus macht manche einsam, es ängstigt uns und wir spüren unsere Ohnmacht. Dennoch wir können einiges tun: Wir können Kontakt per Telefon halten. Dank der Technik können wir miteinander sprechen ohne einander von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen. Und es gibt noch mehr, was wir tun können. Da sind erfreulich viele, die uneigennützig anderen helfen. Dann wird für jemanden aus dem Ort eingekauft, da werden Lebensmittel oder Hilfen organisiert – toll, was alles geht! Nur gegen die Krankheit können wir nur wenig tun, außer auf Distanz zu einander zu gehen und die Hygieneregeln zu beachten. Das Virus ist unsichtbar und leise. Ein Feind, den man nicht sieht, der aber gefährlich ist. Und dann lesen wir fassungslos wie die Zahlen der Erkrankten und Gestorbenen täglich steigen und hoffen, dass es uns und unsere Lieben nicht erwischt.

Ja, es ist so: Mehr als Beten, Hoffen und Vorsichtig sein können wir nicht tun. Aber das ist ja schon einmal etwas. Wir haben noch keine Mittel gegen das Virus, aber wir sind auch nicht völlig ohne Aufgaben. Die einen helfen, die anderen beten, alle miteinander hoffen und die meisten sind vorsichtig, halten sich an die Ratschläge zu Hygiene und Abstand. Die Zahl der unbelehrbaren Egoisten, die jede Einschränkung ablehnen, wird hoffentlich schnell zurückgehen wenn sie merken: Das ist kein Spaß.

Doch zurück zum Trost, der ja eine Folge unseres Hoffens, unserer Gebete sein kann und soll! Da kommt Jesaja mit seinem Bild der tröstlichen Nähe gerade recht. Trotz aller Gefahren, trotz allem Schrecken, trotz der Bedrohung finden wir unseren Trost bei Gott. Gott ist uns so nahe, wie es eine Mutter für ihre Kinder ist. Gott tröstet und Gott verspricht, dass es weitergeht. Irgendwann, vielleicht in einigen Wochen, vielleicht in einigen Monaten, womöglich auch erst nächstes Jahr, ist der Coronaspuk vorüber. Dann können wir wieder leben, wie wir es gewohnt sind. Und damit sind wir beim zweiten Schlagwort dieses Sonntags, nämlich der Freude. Was werden wir dann feiern! Freudenfeste allenthalben, fröhliche Gottesdienste in hoffentlich vollen Kirchen, nachgeholte Feiern – ob Hochzeiten, Jubiläen, Konfirmationen oder Schulabschlüsse. Und so wie Jerusalem in Trümmern lag und dann wieder zu neuer Herrlichkeit gelangte, so wird es dann auch mit unserem Leben in der Gemeinschaft sein. Freuet euch mit Jerusalem, so begann unser Predigttext. Freuet euch mit Drabenderhöhe, freuet euch mit dem ganzen Bergischen Land, freuet euch mit der ganzen Welt – das können wir dann erleichtert ausrufen. Und vielleicht erinnern wir uns auch an den Schluss dieses Predigtabschnitts, wo uns weitere Hoffnungsworte begegnen: Ihr werdet es sehen und euer Herz wird sich freuen und eure Knochen werden erstarken wie das frische Gras.

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!

Zur Vorbereitung der heutigen Predigt habe ich mir noch einmal dieses kleine Büchlein vorgenommen: Mein Terminkalender des Jahre 1986! Beim Durchblättern lese ich dort zufällig: 3. Sonntag nach Trinitatis, 15. Juni 1986 – 10.00 Uhr Probepredigt in Drabenderhöhe. Und heute nun, auch am 3. Sonntag nach Trinitatis, genau 32 Jahre später, der Gottesdienst zu meiner Verabschiedung in den Ruhestand. Ich kann mich noch gut an diesen Tag erinnern: Es war der 1. Geburtstag meines Sohnes Lionel. Wir waren morgens früh zu dritt – meine Frau und Lionel waren auch dabei – in Duisburg losgefahren, um pünktlich um 10 Uhr hier in der Kirche zu sein. Nach dem Gottesdienst dann ein Spaziergang durch die Umgebung. Plötzlich waren wir in Büddelhagen und dachten: Wo sind wir hier gelandet? Die Straße zu Ende? Am Ende der Welt? Anschließend haben wir in Verr im „Haus Waldeck“ den Tag gefeiert: Lionels ersten Geburtstag und meine Probepredigt hier in der Gemeinde.

So ging es los, damals vor 32 Jahren. Dann die Wahl zum Pfarrer dieser Gemeinde und am 7. September 1986 der Gottesdienst zur Einführung in den Pfarrdienst. Gepredigt habe ich in diesem Einführungsgottesdient über ein Wort aus dem 1. Petrusbrief. Es war der vorgeschlagene Predigttext für diesen 15. Sonntag nach Trinitatis.

Im 5. Kapitel heißt es da: „Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. 1. Petrus 5, 5-7

Liebe Gemeinde!

„Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“

Über dieses Wort hatte ich gepredigt – ein Wort, das mich begleitet hat all die Jahre, das mir Kraft und Hilfe war und Trost. Ich habe mir noch einmal meine Predigt von damals herausgesucht. Ich hatte mich gefragt, was da wohl auf mich zukommen würde in der neuen Gemeinde, wie der Übergang wohl wäre von der Stadt aufs Dorf … „Werde ich zurechtkommen, werde ich es schaffen – diese Umstellung von einer Gemeinde in eine ganz andere? Ungewissheit, Zweifel, Sorge – vielleicht etwas Angst ….“ Aber dann dieses Bibelwort:

„Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“

Dieses Wort hat mich seit diesem Einführungsgottesdienst begleitet, es ist mir wichtig geworden. Es ist mir zum Leitwort geworden für meinen Dienst und für mein Leben. Früher habe ich gedacht, dieser Vers ist eine Zumutung. Doch ich habe gemerkt, dass er eine Befreiung sein kann. Lass los, wirf ab, was dich beschwert, werde frei. Halte nicht krampfhaft alles fest. Wirf endlich weg, was dich niederdrückt und gefangen nimmt. Werft alle Sorgen auf Gott, denn Gott sorgt für euch. Ein Satz, der Mut gibt, ein Satz, mit dem man Leben kann. Werft eure Sorge weg, werft sie auf Gott, schaut über den Tellerrand eurer kleinen Probleme, habt Vertrauen. Werft eure Sorgen weg, werft sie auf Gott! Dort sind sie gut aufgehoben. Dieser Satz macht Mut. Er gibt uns Zuversicht und Kraft, die Probleme gelassen, ja heiter anzugehen. – Dieser Satz ist keine Aufforderung zur Gleichgültigkeit allen Alltagsfragen gegenüber – ganz im Gegenteil. Er ruft nicht dazu auf, sorglos einfach in den Tag hineinzuleben, aber er befreit mich von jenem heimlichen Leistungsdruck, unter den ich mich stelle. Vorsorge und eigenes Bemühen, soweit es den vorhandenen Möglichkeiten und Kräften entspricht – ja! Quälende Sorge und stets überfordernder Leistungsdruck – nein! Unsere Lebenserfüllung hängt nicht davon ab, was wir gestern nicht geschafft haben und heute nicht schaffen. Wir können getrost und in Ruhe tun, was in unseren Kräften steht. Was wir nicht schaffen, können wir ebenso getrost anderen überlassen. Oder mit den Worten Martin Luthers: „Pfarrer, predige du das Wort und lass Gott die Leute fromm machen.“

Das heißt nicht: „Lass fünf gerade sein!“ Es heißt aber: „Etliches von der Aussaat trug dreißigfältig, etliches sechzigfältig, etliches hundertfältig.“ Nur Geduld.

Und das, liebe Gemeinde, führt uns nun zu einem zweiten Gedanken unseres Bibelwortes. „Alle miteinander haltet fest an der Demut …. Demütigt euch unter die gewaltige Hand Gottes.“ So beginnt unser heutiges Bibelwort. Demut – ein altes Wort, das aus unserem alltäglichen Sprachgebrauch verschwunden ist. Gemeint ist doch dies: Erkennt eure Grenzen! Ihr seid nicht der Mittelpunkt der Welt. Seid nicht überheblich, sondern seid bereit, einander zu dienen. Alle miteinander.

„Alle miteinander – haltet fest an der Demut.“

Das heißt doch, so hatte ich damals gesagt – und so habe ich es erlebt in dieser Zeit: Ich stehe nicht allein in meinem Amt. Ohne die Gemeinde, ohne die Mitarbeiter, ohne all die Gemeindeglieder kann ich nichts tun …. Wir gehören alle zusammen – alle miteinander! Alle miteinander – nicht einer allein! Alle miteinander – ich denke gerne zurück an die Aktion „Alle unter einem Dach“, als wir, Gemeinde, Chöre, Vereine, das ganze Dorf, uns für ein Projekt, die Erneuerung des Kirchendachs, eingesetzt haben.

„Demütigt euch unter die gewaltige Hand Gottes.“

Das heißt: Ihr könnt euch nur Gottes Hand überlassen. Und ihr müsst nicht im voraus wissen, wozu ihr in der Lage sein werdet. Nur werft eure Sorge auf Gott! Dietrich Bonhoeffer hat das in seinem berühmten Glaubensbekenntnis so ausgedrückt: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie uns nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.“ Und darum:

„Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“

Liebe Gemeinde, in meiner Einführungspredigt erzählte ich am Ende: „Als ich meine Bücher für den Umzug in Kartons verpackte, da vermerkte ich jeweils den Inhalt der Kiste auf dem Deckel, um den Überblick nicht ganz zu verlieren. Und als nun der Möbelpacker die Bücherkisten mit meiner Fachliteratur im Möbelwagen verstaute und dabei las: „Theologie 1-4“, da stutzte er: „Theologie – wat is dat denn?“ und wusste nicht, ob die Kisten in die Küche oder ins Wohnzimmer gehören.“

Liebe Gemeinde, vor der gleichen Situation stehe ich jetzt wieder: Wohin mit den Bücherkisten „Theologie“? Fest steht: Sie kommen nicht in die Küche und auch nicht auf den Speicher. Denn ich werde dranbleiben am Thema. Denn mit dem Glauben, mit der Frage nach Gott ist man nie fertig. Amen.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

R. Kapff

.

Predigt zu Pfingstsonntag

Punkt. Nicht mehr und nicht weniger. So formuliert das apostolische Glaubensbekenntnis aus dem 5. Jahrhundert und wir tun es ihm gleich in jeder gottesdienstlichen Feier, in der wir dieses Bekenntnis aussprechen. Auffallend ist, dass in diesem Glaubensbekenntnis über Gott, den Vater, und besonders über seinen Sohn Jesus Christus weitere Aussagen gemacht werden, die beide charakterisieren: der allmächtige Vater, der der Schöpfer Himmels und der Erde ist. Jesus wird beschrieben von seiner Empfängnis in Maria bis zu seiner Wiederkunft über Geburt, Tod und Auferstehung. Aber beim Heiligen Geist, dessen Fest wir heute feiern, fehlen solche Aussagen. Fehlen deshalb auch die äußeren Zeichen und Rituale, Symbole und Traditionen wie zu Weihnachten und Ostern? Und dabei steht doch schon am Anfang unseres Lebens in der Taufe die Zusage im Mittelpunkt: Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

…ist auf vielfältige und eindrucksvolle Weise dargestellt, was die Lesung aus der Apostelgeschichte heute wiedergibt: Die Jüngerschar, zu der sich auch Maria gesellte, ist versammelt, um zu beratschlagen, wie es nach der Katastrophe des Todes Jesu weitergehen soll. Und die Künstler malen in bunten Farben, was der Verfasser der Apostelgeschichte beschreibt: Feuerzungen kommen auf die Versammelten nieder und aus Verängstigten werden Begeisterte, die erzählen, Jesu sei auferstanden. Und auf die Frage, wie das denn so plötzlich kam, sagt der biblische Schreiber Lukas: »Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt.«

So fragen viele oder fragen sich auch nicht mehr. Das ist mir zu kompliziert, sagten mir Eltern bei der Vorbereitung auf die Taufe ihres Kindes. Reicht es nicht aus, wenn wir an Gott glauben und wir mehr oder weniger gut verstehen, wer Jesus ist?

Wir haben dann das heutige Evangelium hergenommen, es Vers für Vers gelesen und sind dabei ein wenig in die Schule Jesu gegangen und haben versucht, von ihm zu erfahren und zu lernen, wie das gemeint sein könnte: Ich glaube an den Heiligen Geist.

Empfangt den Heiligen Geist. Gleichsam wie bei einer großen Ouvertüre ist damit schon das ganze Thema entfaltet: Es geht um nichts und niemand anderes als um Gottes Geist. Nicht Ungeister und dämonische Mächte, Unheilsgeister und Gesinnungen des Hasses und der Rache, des Streites und der Vernichtung werden prophezeit und herbeigeschworen, keine esoterische, absonderliche Geisterwelt tut sich auf. Gottes Geist wird angerufen, in der Sprache der Bibel also Gott selber. Um ihn geht es, der der Gott der ganzen Welt und aller Menschen ist. Der, der schon auf der ersten Seite der Bibel bezeugt wird als der, aus dessen Hand und in dessen Hand alles ist, was lebt. Mit seinem Atem, mit seinem Lebenshauch, mit seinem Geist und Leben stattet Gott das von ihm ins Leben gerufene Geschöpf aus, das seither den Namen Mensch trägt. Nach der Erfahrung von Leiden und Tod, die die Jünger zutiefst getroffen hatte, werden sie daran erinnert: Gott selber tritt für euch ein. Er ist der, der sich so offenbart: Ich bin der ich-bin-da, mit euch und für euch, alle Tage. Nie seid ihr gott-verlassen und gott-los. So lange der Mensch lebt, atmet er und sein Lebensatem ist geschenktes Leben. Heiliger Geist meint: Gottes Leben lebt in mir. Mein Leben ist empfangenes und unverdient geschenktes Leben.

… fügt Jesus vor den eingeschüchterten und angsterfüllten, in sich und vor der Welt verschlossenen Jüngern hinzu: Friede sei mit euch. Er beschreibt damit nichts anderes und niemand anderen als Gott selber, der der Friede ist. Gottes Geist, seine Absicht für den Menschen und die Welt ist Friede, Versöhnung und Gerechtigkeit. Wer Gott ist und was er den Menschen sein will, ist zusammengefasst in diesem Wort: Friede sei mit euch. Die von Gott ausgehende, lebendige Kraft, seine Wirkmacht, sind nicht auf Zerstörung und Vernichtung aus, auf Trennung und Ausgrenzung, auf Verachtung und Unterdrückung, sondern vielmehr auf Heil und Heilung. Wenn wir von einem Menschen aufgrund seiner Verhaltensweisen und seiner Äußerungen sagen: Da sieht man, wes Geistes Kind er oder sie ist, dann meinen wir: Da sieht man, was diesen Menschen im Innersten ausmacht, ihn bestimmt, sein Handeln und seine Taten leitet, was er in seiner tiefsten Bestimmung ist. Wo Friede ist, ist Gott, weil Gott der Gott des Friedens, ja der Friede selber ist. Deshalb die Ankündigung bei der Geburt des menschgewordenen Gottes: Friede den Menschen auf der Erde. Gott, der Friede, kommt dorthin, wo Menschen schreien und sich sehnen nach Befreiung und Erlösung. Und deshalb diese Zusage, die angesichts des Todes Jesu notwendig wurde: Nicht Tod ist für euch bestimmt, sondern Leben und Friede.

… dass dies alles nicht aus dem Reich der Phantasie und der Spekulation, aus jenseitiger Geistesspähre stammt, verweist Jesus auf das, was seine bleibenden Erkennungsmerkmale und Identitätszeichen sind: seine von den Kreuzesnägeln durchbohrten Hände und seine von der Lanze des Soldaten durchbohrte Seite. Gottes Geist, der jetzt, hier und heute an den Menschen handelnde Gott, ist der Gott, der leidet mit den Leidenden, der verwundbar wurde und die Wunden der Verspottung und Verachtung ausgehalten hat, der auf der Seite all derer zu finden ist, die um ihrer Überzeugung willen verfolgt werden, die unschuldig vergewaltigt, gequält und getötet werden. Gott ist nicht unempfindlich gegenüber dem Leid und dem Leiden der Menschen. Mitleid ist Gottes Kennzeichen, nicht als gnädiges Von-oben-herab, sondern als ein mit den Menschen leiden, sich zu ihnen beugen, mit ihnen weinen und klagen. Das hat Jesus in den Begegnungen mit den Menschen gezeigt als der, der Gottes Liebe und seine persönliche Nähe gelebt hat und den Menschen daran Anteil schenkte. Seht meine Hände und meine Seite!

…vielmehr ist er eine lebendige und lebendig machende Anstiftung zum Leben: Wie mich der Vater gesendet hat; so sende ich euch. Im Plural gesprochen! Keine allein individuelle und individualistische Auszeichnung und Belohnung. Sondern Auftrag, Bestimmung für die damals noch kleine Jüngergemeinde, die bald bis an die Grenzen der zu ihrer Zeit bekannten Welt auszog, um allen aus diesem Geist den Gott zu bezeugen, der der Gott des Lebens ist. Er ist nicht nur da für ein einziges Volk, für eine auserwählte Nation, für eine bestimmte Sprache und Kultur, für eine andere ausgrenzende Konfession oder Religion. Er ist nicht katholisch oder evangelisch, er gehört nicht den Christen, den Juden oder dem Islam, er gehört nicht den Weißen oder den Schwarzen, sondern er ist der Gott all derer, über die er seinen Geist ausgießt und sie in einer neuen Gemeinschaft zusammenführt. Einer Gemeinschaft, in der Vergebung und Verzeihung leben.

Deshalb und damit wir es nicht vergessen, der heutige mit zwei freien Tagen gewürdigte Festtag mit seiner Bitte: Gott, sende uns deinen Geist. Und: Komm, Heiliger Geist, strahle Licht in unsere Welt. Denn ohne dein lebendig Wehn kann im Menschen nichts bestehn, kann nichts heil sein und gesund.

  • gottesdienst/predigten.txt
  • Zuletzt geändert: 11.04.2021 07:04
  • von Hilmar Kranenberg